26. März 2019

"Der Schüler ist Konig"

Unter schwierigen Umständen hat der sympathische Lehrer Aleksander Dzembritzki die Aufgabe des Schulleiters übernommen. Er bezeichnet seine Schüler als ,Könige‘ und versucht ihre Erfolgsquote zu steigern. Mit neuen Konzepten ist es ihm innerhalb kürzester Zeit gelungen, die Mehrzahl der Schüler für die Schule zu begeistern.

 

Der Leiter der Rütli-Schule im Gespräch.

Im März 2006 gelangte die Rütli-Schule in Berlin-Neukölln in die Schlagzeilen: Lehrer hätten die Auflösung der Schule gefordert. Später wurden die Meldungen relativiert: Die Lehrer hatten in einem Brandbrief an den Senat eine Lösung des Gewaltproblems an der Schule und die Überführung der Schule in eine andere Schulform gefordert. In den Diskussionsrunden über die Vorfälle an der Rütli-Schule wurden Aussagen wie ,Multikulti hat versagt‘ oder ,eine deutsche Leitkultur ist die Lösung‘ immer lauter, auch wenn die damalige Direktorin Brigitte Pick ausdrücklich darauf hinwies, nicht die ethnische, sondern die soziale Herkunft der Kinder sei für die Probleme verantwortlich. Unter diesen schwierigen Umständen hat der sympathische Lehrer Aleksander Dzembritzki die Aufgabe des Schulleiters übernommen. Er bezeichnet seine Schüler als ,Könige‘ und versucht ihre Erfolgsquote zu steigern. Mit neuen Konzepten ist es ihm innerhalb kürzester Zeit gelungen, die Mehrzahl der Schüler für die Schule zu begeistern. 

Von Mustafa Kasap

Herr Dzembritzki, Sie sind der neue Schulleiter der Rütli-Schule. Wie haben Sie die negativen Schlagzeigen über die Rütli-Schule damals aufgenommen?  an den ehemaligen Schulsenator Böger hat in der Republik eine heftige Diskussion ausgelöst. War die Rütli-Schule das Opfer?

Ich habe mir gesagt, so wie es in der Presse dargestellt wird, kann es mit Sicherheit an der Rütli-Schule nicht zugehen. Da ich immer in so genannten Brennpunkten in Bereichen der Sozial- und Jugendarbeit tätig war, war mir schon klar, dass die Wirklichkeit an der Schule anders sein wird, als es in der Presse wiedergegeben wurde. Als ich dann die Möglichkeit hatte hier an der Schule zu arbeiten, habe ich ohne lange zu überlegen zugesagt. 

Ist das Ihre erste Tätigkeit als Schulleiter?
 

Ja, das ist meine erste Tätigkeit als Schulleiter. Vorher habe ich in Lübeck als Lehrer gearbeitet, weil mir damals Berlin nichts anbieten konnte. Und zu der Zeit musste ich auch feststellen, dass der Bildungsgrad einen nicht vor Arbeitslosigkeit schützt.

Wo haben Sie sich außerdem Fähigkeiten angeeignet, auf die Sie als Schulleiter zurückgreifen können?

 Ich habe ein Unternehmen im Bereich Marketing aufgebaut und geführt. Während meiner Studienzeit habe ich viel in Vereinen gearbeitet. Egal wo ich gearbeitet habe, habe ich immer versucht, in Entscheidungsfunktionen mit hineinzukommen, um dann auch wirklich mit entscheiden und mitgestalten zu können.

Warum hat man Sie als Schulleiter an die ,berühmteste Schule Deutschland‘ versetzt?

 Qualitäten müssen mir schon andere zuweisen. Aber ich denke, dass ich ein innovativer Mensch bin mit organisatorischen Fähigkeiten. Und vor allem denke ich, dass ich in der Lage bin, Menschen für etwas zu begeistern und in schwierigen Situationen fähig bin, Menschen wieder nach vorne zu bringen. Und zwar nicht nur die Schüler zu motivieren, sondern auch die Lehrer und Mitarbeiter. Vor allem bin ich bereit, auch mal steinige Wege zu gehen. In solchen Fällen ist natürlich Lob und Anerkennung für das Geleistete ein wichtiger Ansatzpunkt.

 Sie kennen das ja aus dem Marketing ,Der Kunde ist König‘. Ist dieser Ansatz für Sie im pädagogischen Sinne auch gültig? 

Ja, natürlich. In der Schule sind die Schüler ,meine Könige‘ Das sind die wichtigsten Personen, um die wir Lehrer uns kümmern müssen. Die Fragstellung eines jedes Pädagogen sollte sein: ,Was kann ich für den Schüler noch machen?‘.

Der offene Brief das damaligen Kollegiums der Rütli-Schule 

 Der Brief der damaligen Lehrer hatte eine ganz andere Intention, als das was in der Presse instrumentalisiert wurde. Vor allem die Boulevardpresse hat das Ganze falsch dargestellt. Man hat hauptsächlich die Schüler stigmatisiert. Die Begriffe ,Terrorschüler‘ und ,Chaosschüler‘ wurden ja sehr häufig in den Artikeln erwähnt. Dieses war dann ein Riesenproblem für die Schüler, die sich damals im Abschlussjahr befanden. Immer noch ist es für einen Absolventen der Rütli-Schule schwierig, einen Ausbildungsplatz zu finden. Wenn ein Schüler sich mit einem Rütli-Abschlusszeugnis bewirbt, heißt es dann oft: ,Ach ja, ihr kommt ja von DER Schule‘. Wir versuchen jetzt, durch Veranstaltungen ein positives Bild von unseren Schülern und unserer Schule zu vermitteln.

Welche Rolle haben die Lehrer in Ihrem Konzept?

Als Respektsperson ist die Position des Lehrers immer über der des Schülers. Nichtsdestotrotz sollte sich der Lehrer in gleicher Augenhöhe mit dem Schüler befinden. Die Lehrerinnen und Lehrer müssen auch immer gucken: ,Wo kommen unsere Schülerinnen und Schüler her?‘. Wir Lehrer müssen auch über die Ziele der Schüler Bescheid wissen, damit wir, wenn es darauf ankommt sagen können: ,Du hast diese Eigenschaften. Konzentrier dich lieber in diese Richtung.‘

Sind die Lehrer pädagogisch und mental auf eine Klasse mit über 20 Schülern mit Migrationshintergrund vorbereitet?

Ich denke, das muss man fast verneinen. Bei den Lehrern fehlt vor allem die sprachliche Kompetenz. Es ist deshalb sehr wichtig, dass die Anzahl von Lehrern mit türkischem und arabischem Hindergrund steigt. Je höher diese Zahl, desto erfolgreicher ist unser Modell der Integration dann. In den letzten zehn bis zwanzig Jahren haben wir Integration versucht, aber nicht erfolgreich angefangen. Wenn wir jetzt aber in den Schulen erfolgreich sind, wird dadurch ein positives Zusammenleben in der Gesellschaft erreicht.

War es aber nicht auch eine Diskussion über den Sinn der Hauptschulen?

Ich werde immer in Foren eingeladen, wo über die Chancen der Hauptschule diskutiert wird. Seit PISA überlegt man ,Was muss sich an unserem Bildungssystem alles ändern?‘ Und seit dem ,Rütli-Knall‘ wird das deutsche Schulsystem ausgiebig diskutiert. Ich bin der Meinung, dass sich im Bereich Schule viel verändert hat und noch ändern wird. So lange wir aber an dem dreigliedrigen Schulsystem festhalten, müssen wir uns darum kümmern, dass wir an den Hauptschulen Verstärkung erhalten.

Hat man sich bei den Diskussionen um die Rütli-Schule vielleicht auch an den Einwanderern auslassen wollen?

Das ist jetzt eine ganz gefährliche Ebene, auf die wir uns da begeben. Natürlich, immer wenn man über die Rütli-Schüler geschrieben hat, wurde erwähnt, dass an der Schule ein sehr hoher Anteil von Schüler mit Migrationshintergrund existiert. Dass sich die Migranten durch die ganzen Diskussionen, die geführt wurden, gestört fühlen, ist voll und ganz verständlich. Aber die Migranten waren ja nicht das Problem. Das Problem war, dass man von der Schulaufsicht allein gelassen wurde, die Lehrerausstattung reichte nicht aus. Aber diese Probleme haben wir im Großen und Ganzen gelöst. Vor allem unsere Sozialarbeiter leisten große Arbeit. Vorher gab es Kommunikationsschwierigkeiten. Die sprachlichen Barrieren führten zur ,Respektlosigkeit‘ gegenüber dem Lehrer, weil die Schüler wussten, dass die Eltern von den Geschehnissen in der Schule nichts erfahren würden. Dieses Problem haben wir jetzt gelöst. Die Schüler wissen jetzt, dass durch die Sozialarbeiter, die die Sprache beherrschen, die Informationen bei den Eltern ankommen.

Wieso musste es erst knallen, bevor etwas unternommen wurde?

Ich kann Ihnen diese Frage nicht genau beantworten. Allerdings ist festzustellen, dass es immer dann, wenn das öffentliche Interesse durch die Presse verstärkt wird, zu Entwicklungen kommt, die vorher nur schleppend oder gar nicht voran gingen. Für die Berliner Hauptschullandschaft ist festzustellen, dass das Programm Berliner Hauptschule vor dem Rütli-Knall vorlag und in diesem Schuljahr starten sollte. Die Rütli-Schule ist schon im letzten Jahr nach den Osterferien mit neuen Kollegen und Sozialarbeitern ausgestattet worden, andere erst nach den Sommerferien. Gesamtpolitisch gesehen ist erfreulich, dass die Diskussionen um Veränderungen im deutschen Schulsystem wieder mehr an öffentlichem Interesse gewonnen hat.

Spielt bei der pädagogischen Arbeit die Motivation der Schüler eine wichtige Rolle?

Selbstverständlich. Wenn man die Schüler nur mit Noten bewertet, geht meistens die Motivation der Schüler verloren. Wir haben in der Rütli-Schule neue Ansätze geschaffen, wie wir die Arbeit der Schüler mehr wertschätzen können. Hierbei ist eine enge Zusammenarbeit mit den Eltern sehr wichtig.

Was meinen sie genau mit ,Eltern sind unsere Partner‘?

Wir wollen in Zusammenarbeit mit den Eltern die Kinder auf ihren Lebensweg vorbereiten. Denn nur, wenn wir als Lehrer gut mit den Eltern kooperieren und zusammenarbeiten, können wir Erfolge verzeichnen. Deswegen müssen wir unbedingt die Eltern für die Schule gewinnen. Ab dem Kindergarten muss eine gute Elternarbeit aufgebaut werden. Vielleicht sollte man Kurse für Eltern anbieten, in denen verdeutlicht wird, was es bedeutet seine Kinder in die Schule zu schicken und welche Verantwortung man als Elternteil dabei hat. Hierbei spielt die ethnische und kulturelle Herkunft der Kinder keine Rolle. Man beobachtet auch bei deutschen Elternteilen: Je älter die Kinder werden, desto weniger sind die Elternteile bei Elternabenden anwesend. Das ist ein großer Misstand.

Wie wichtig sind die Sozialarbeiter?

Die Sozialarbeiter brauchen wir, um einen dauerhaften Kontakt zu den Eltern aufbauen zu können. Hausbesuche spielen zum Beispiel eine wichtige Rolle. Die Sozialarbeiter organisieren Termine und begleiten die Lehrer bei den Hausbesuchen. Wir haben einen arabischsprachigen und einen türkischsprachigen Sozialarbeiter, die hervorragend Deutsch sprechen. Diese bieten auch gleichzeitig Kurse für das Erlernen der Muttersprache an.

Also sollten die Schüler ihre Muttersprache pflegen?

Ja selbstverständlich. Ich frage die türkischen Kinder z.B. immer: ,Könnt ihr Türkisch reden und schreiben?‘. Ich sage allen Kindern mit Migrationshintergrund: ,Ihr habt ein großes Potenzial in der Hand, dieses Potenzial hat kein deutscher Schüler‘. Deswegen müssen die Schüler mit Migrationshintergrund ihre Muttersprache pflegen. Gleichermaßen sollen sie ihre kulturellen Wurzeln selbstverständlich auch pflegen. Ich denke, irgendwann wird der Fokus aus Deutschland noch stärker auf die Türkei und die arabischen Länder gehen. Und da kann ein Hauptschüler mit einem guten Abschluss sagen: ,Ich kann beide Sprachen‘. Deswegen ist es auch sehr wichtig, dass die Schüler mit Migrationshintergrund sehr gut Deutsch sprechen können.

Welche Probleme entstehen bei der Arbeit mit den Eltern?

Ein Problem ist, dass es einem sehr schwer fällt, mit Eltern nichtdeutscher Herkunft offen über Probleme zu reden. Sie verschließen sich. Wahrscheinlich haben sie Angst ihr Gesicht in der eigenen Gemeinschaft zu verlieren. Dank der Sozialarbeiter ist es uns jedoch gelungen, einen guten Kontakt zu den Eltern aufzubauen. Alle sind offen für eine engere Zusammenarbeit. Mittlerweile sind unsere Elternabende besser besucht als die von manchen Gymnasien. Für die Eltern muss auch klar sein, dass in Deutschland an erster Stelle die deutschen Gesetze kommen.

Halten sich etwa manche Eltern nicht an das Gesetz?

Wenn ich an Diskussionen teilnehme, halten manche Eltern immer den Koran für bestimmte Verhaltensweisen vor. Dann sage ich: ,An erster Stelle ist aber die deutsche Verfassung‘. Ich habe überhaupt nichts dagegen, wenn einer kommt und sagt: ,Wir haben ein Feiertag‘. An einer Schule mit so hohem Anteil an muslimischen Schülern muss ich das natürlich berücksichtigen. Wenn wir integrieren wollen, müssen wir aufeinander zugehen und uns gegenseitig akzeptieren. Ich hätte nichts dagegen, wenn die Eltern ein muslimisches Fest hier an der Schule mit uns organisieren. Aber genau so sollte es selbstverständlich sein, dass wir gemeinsam ein Weihnachtsfest organisieren. Wenn wir im Schulleben es schaffen, uns gegenseitig zu akzeptieren, wird das auch Auswirkungen auf die Gesellschaft haben. Diese Schüler werden ja älter und irgendwann auch Aufgaben in der Gesellschaft übernehmen.

Wofür nehmen die Eltern denn den Koran her?

Für frühzeitige Eheschließungen zum Beispiel. Wir haben Fälle, wenn auch sehr selten, in denen Schülerinnen verheiratet werden. Es ist mir dann nicht immer ganz klar, ob sie heiraten wollte oder nur geheiratet hat, weil der Vater es wollte. Wir müssen doch den Kindern das Erwachsenwerden ermöglichen. Ich kann doch kein Kind mit 16 Jahren verheiraten und von ihr Kinder erwarten. Mit 16 ist sie ja selber noch Kind. Ich habe mich vor kurzem mit zwei Muslimen unterhalten, die mir gesagt haben: ,Nirgendwo steht im Koran, das Bildung nur für Jungs ist.‘ Das ist zum Beispiel ein wichtiges Argument für mich, wenn ich mit muslimischen Familien rede, die die Zukunft ihrer Töchter nur als Hausfrau planen und dann sagen: ,Das steht im Koran‘. Chancengleichheit ist für mich sehr wichtig. Das ist gerade bei Familien mit vielen Kindern sehr schwer. Viele Eltern verhalten sich nicht fair und gerecht zu allen Kindern.

Wie meinen Sie das genau?

Bei Familien, die ursprünglich aus bäuerlichen Verhältnissen kommen, sieht man häufiger eine hohe Anzahl von Kindern. Sie glauben, sich durch die Kinder für das Alter absichern zu können. Aber bei einer Zahl von zehn Kindern beispielsweise ist es sehr schwer, gerecht zu jedem Kind zu sein. Gleichermaßen ist es bei solchen Familien schwer, Voraussetzungen in der Wohnung zu schaffen, unter denen sich die Kinder auf die Schule vorbereiten können. Ich liebe Kinder, habe selber zwei, hätte nichts gegen ein drittes. Aber ich bin schon der Meinung, dass bei einer sehr hohen Anzahl von Kindern es sehr schwer ist, fair und gerecht zu sein, und dass die Eltern in diesen Fällen überfordert sind.

Herr Dzembritzki, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

(Mit freundlicher Genehmigung der Redaktion Zukunft - http://www.z-zukunft.eu )

 

 



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