24. Januar 2019

Interpretationshilfen

Interpretationshilfen in Bezug auf das Verhalten von Schülerinnen und Schülern türkischer-islamischer Herkunft (Vier Extremfälle aus der Praxis bitte nicht zu verallgemeinern)

Prof. Dr.  Ali Uçar

Kinder aus sozioökonomisch schlechter gestellten Familien haben schlechtere Noten, zusätzliche migrationsbedingte Unterschiede gibt es jedoch nicht. Auch in Bezug auf die Bildungsaspirationen der Eltern zeigen sich keine interethnischen Differenzen: Nahezu alle Eltern nehmen die Schule wichtig und achten auf die Noten der Kinder. Nach Einschätzung der Kinder messen türkischstämmige Eltern ihren Zeugnissen großen Wert bei, unterstützen ihre Kinder aber am wenigsten in schulischen Belangen. Entsprechend empfinden Kinder aus Migrantenfamilien die Schule häufiger als subjektive Belastung und Anstrengung und berichten vermehrt von Angst in der Schule.

Fall 1

Die 17-jährige türkische Schülerin aus einer Oberschule ist von zu Hause abgehauen und wendete sich daraufhin an den Jugendnotdienst. Sie begründete ihr Verhalten mit folgenden Argumenten: “Ich hatte einen Freund. Ich bin keine Jungfrau mehr, sogar eine Abtreibung habe ich schon hinter mir. Dies habe ich meiner Klassenlehrerin erzählt, während ich fürchterliche Bauchschmerzen hatte. In einem Telefongespräch mit meinem Vater hat sie nicht direkt, aber indirekt angedeutet, daß meine Eltern Verständnis zeigen sollen, wenn ich einen Freund haben würde. Am selben Abend wurde ich verprügelt und eingesperrt. Bevor mein Vater alles erfahren konnte, bin ich aus Angst abgehauen. Ich kann nicht zurück, weil ich mit meinem Verhalten die Ehre und das Ansehen meiner Familie verletzt habe.“

Fall 2

Eine 10-jährige Schülerin verhüllt mit langem Rock und Kopftuch, verweigerte das Anschauen der nackten Teile des menschlichen Körpers im Biologieunterricht, sowie die Teilnahme am Schwimm- und Sportunterricht. Begründung: “Ich schäme mich. Es ist bei uns nicht erlaubt. Meine Eltern sagen, mit nackten Körperteilen führe man die Mädchen zur Prostitution.“

Fall 3

Ein gerade 18 gewordene Schüler eines Gymnasiums  kam zur Beratung und schilderte mir sein Problem mit seinem Vater. „Der Vater zwingt mich ein Mädchen von seiner Verwandtschaft aus einem anatolischen Dorf zu heiraten. Ich will aber nicht. Ich will studieren. Mein Vater sagte:“ Wenn du nicht heiraten willst, dann bist du homosexuell, dann hast du meine Familie und meine Verwandtschaft in Verruf gebracht! Du bist respektlos und Du achtest nicht auf unser Ansehen!“

Fall 4

In einem Beratungsgespräch wollte ein Sportlehrer wissen, warum viele türkische Kinder mit Unterhosen  nach dem Sportunterricht duschen und dann naß nach Hause gehen. Er sagte: “Sie verdecken ihre Geschlechtsteile. Die Kinder schimpfen häufig mit Wörtern, die sich auf die Geschlechtsteile der Menschen beziehen.“  

Dies sind nur einige Fälle, welche für viele andere Schülerinnen und Schüler gelten.
In diesen Fällen kommen viele Begriffe vor, die hier an erster Stelle geklärt werden müssen:

  • Ehre der Frau (Kodinin Namusu)
  • Ehre des Mannes (Erkegin Namusu)
  • Schamhaftigkeit, Sünde (Günah)
  • Körperverhüllung, Bedeutung der Haare
  • Ansehen (Seref), Achtung (Saygi)
  • Geschlechtertrennung, Beschneidung
  • Bedeutung der Verwandtschaft
  • Schimpfworte in Sprache, Gestik und Mimik

Diese Begriffe sind nur vor dem besonderen kulturellem Hintergrund erklärbar.
Im folgenden möchte ich auf diese oben genannten Begriffe eingehen und versuchen, den Lehrenden Interpretationshilfen in Bezug auf das Verhalten von Schülerinnen und Schülern zu geben.

Hierbei möchte ich darauf hinweisen, daß meine Erklärungen nicht absolut für alle Schichten der türkisch islamischen Familien gelten, weil sich diese kulturellen Begriffe von Schicht zu Schicht, von Region zu Region unterschiedlich zeigen. Hier möchte ich mich auf die Familien, welche dörflich- bäuerlicher Herkunft sind, beschränken. Dies bedeutet nicht, daß bei städtischen Familien solche Auseinandersetzungen nicht vorkommen. Aber es gibt vielleicht Unterschiede in der Stärke der Achtung der kulturellen Normen.        

                            
Ehre der Frau

Der Begriff „Ehre“ wird in der türkischen Kultur groß geschrieben. Für die Ehre der Frau steht ihre Keuschheit im Mittelpunkt. Für eine verheiratete Frau bedeutet dies, daß sie auf sexuelle Zurückhaltung achten muß. Eine Verletzung der sexuell- moralischen Normen durch die Frau bringt die Frau und ihre Familie schnell in Verruf.
Die Ehre für die unverheirateten Mädchen hat die Bedeutung, daß sie bis zur Heirat eine Jungfrau bleiben müssen. Die Verletzung des Jungfernhäutchens vor der Ehe, bedeutet die Verletzung der Ehre des Mannes (Vater, Bruder oder der nächste männliche Verwandte).
Für verheiratete Frauen besteht ein striktes Verbot der außerehelichen Geschlechtsbeziehungen. Im religiösen Sinne bedeutet dies eine der schwersten Sünden der Frau. Neben Geschlechtsverkehr kann die Sünde auch mit Augen, Ohren, Zunge, Hand und Fuß begangen werden. An mehreren Stellen schreibt der Koran zur Vermeidung einer Sünde mit den Augen vor: "Sprich zu den Gläubigen, daß sie ihre Blicke zu dem Boden schlagen..." (Sure 24, Nr. 30). Weiterhin schreibt der Koran vor: "Er kennt das Heuchlerische der Augen und was die Brüste verbergen" (Sure 40, Nr. 19 ). Das heißt praktisch, beim Gespräch mit einer Frau darf man ihr nicht in die Augen sehen. Mit Augenblicken kann die Frau verführt werden.

Wenn jemand Unerlaubtes hört, sagt oder einen unerlaubten Platz betritt, ist die Folge eine Sünde. Der Koran sagt: "... Gehör, Gesicht und Herz, alles wird dafür zur Rechenschaft gezogen" (Sure 17, Nr. 36). Die Frauen dürfen bei der Begrüßung fremden Männern nicht die Hand geben. Auch dies wird als eine Art von Sünde (Günah) betrachtet.

Eine ehrenhafte Frau wird zugleich als eine schamhafte Frau bezeichnet, die ihren Körper, ihre Haare vor den Männern bedeckt hält sich allgemein schüchtern und scheu gegenüber den Männern verhält. Die Schamhaftigkeit ist vor allem im Umgang mit Männern gefordert. Wenn die Frauen untereinander sind, gelten die Forderungen der Schamhaftigkeit nicht oder nur in geringem Maße.

Der Wert der Ehre beinhaltet auch die Bekleidung und das Verhalten der  Frau im Umgang mit fremden Männern in der Öffentlichkeit. Hier wird besonders großen  Wert darauf gelegt, wie die Frau sich anzieht, das sie sich nicht schminkt und ihren Körper bedeckt hält. Die Bedeckung der Frauen ist im heiligen Buch Koran vorgeschrieben.
"Oh Prophet, sprich zu deinen Gattinnen und deinen Töchtern und den Weibern der Gläubigen, daß sie sich in ihren Überwurf verhüllen. So werden sie eher erkannt und werden nicht verletzt..." (Sure 33, Nr. 59)

Im gleichen Kapitel sagt der Koran weiter:
"Und sprich zu den gläubigen Frauen, daß sie ihre Blicke niederschlagen  und ihre Scham hüten und daß sie nicht ihre Reize zur Schau tragen, es sei denn, was außen ist und daß sie ihren Schleier über ihren Busen schlagen und ihre Reize nur ihrem Ehegatten zeigen oder ihren Vätern oder den Vätern ihrer Ehegatten oder ihren Söhnen oder den Söhnen ihrer Ehegatten  oder ihren Brüdern oder den Söhnen ihrer Brüder oder den Söhnen ihrer Schwestern oder ihren Frauen oder denen, die ihre Rechte besitzen oder ihren Dienern, die keinen Trieb haben, oder Kindern, welche die Blöße der Frauen nicht beachten. Und sie sollen nicht ihre Füße zusammenschlagen, damit nicht ihr verborgener Zierat bekannt wird..." (Sure 24. Nr. 31).

Die alten Frauen bilden eine Ausnahme in dieser Regel... "Und eure Matronen, die nicht mehr auf Heirat hoffen, begehen keine Sünde, wenn sie ihre Kleider ablegen, ohne ihre Zierde zu enthüllen..." (Sure 24, Nr. 60).

Mädchen lernen schon von Kindheit an, auf ihre Kleidung zu achten. Im allgemeinen wird mit dem Einsetzen der Pubertät das Kopftuch getragen. Mit Ausnahme der Hände und des Gesichtes soll die Kleidung den ganzen Körper bedecken.
Junge Mädchen im heiratsfähigen Alter kleiden sich besonders sorgfältig. Die Kleidung junger Mädchen darf nicht auffällig sein. Völlige Nacktheit kann als Sünde (Günah) betrachtet werden. Nacktheit gibt es nur zwischen Ehegatten. Ein Verstoß gegen diese Regeln zieht die Unehrenhaftigkeit nach sich.

Die Bedeckung des Körpers ist eine Kontrolle über den Körper, die in der Kleidung zum Ausdruck kommt. Eine einheitliche Kleidungsform gibt es nicht. Was als angemessene Kleidung bestimmt wird, hängt von vielen Faktoren ab, die sich unterschiedlich auf die Kleidung auswirken: In den Städten, Dörfern, in verschiedenen religiösen Glaubensrichtungen usw..


Bedeutung der Haare
 
In vielen Regionen der Türkei brauchen die Mädchen bis sie geheiratet haben  ihre Haare nicht mit einem Kopftuch bedecken  oder wenn es sein muß, dann tragen sie das Kopftuch ganz locker. Jüngere verheiratete Frauen müssen meist in Anwesenheit von fremden Männern das Haar bedeckt halten. Alte Frauen  denen nachgesagt wird, daß sie keine sexuellen Bedürfnisse hätten  können ihre Haare durch Rotfärbung (Henna) betonen. Achsel- und Schamhaare werden abrasiert, wenn sie zu wachsen anfangen. Diese Regel gilt sowohl für Männer als auch für Frauen. Dieses Verhalten wird mit der Sauberkeit (Temizlik) begründet. Durch das Rasieren der Schamhaare wird das Geschlecht eindeutiger, sauber, klar und rein.
Schnurrbart und Barthaare haben eine andere Bedeutung. Sie werden meist als Symbol der Männlichkeit bezeichnet.


Verbergen körperlicher Funktionen

Das Schamgefühl  fordert das Verbergen körperlicher Funktionen. Frauen schämen sich  in Anwesenheit von fremden Männern (also nicht verwandter Männer) zu essen zu trinken oder z .B. nach einer Toilette zu fragen.  Menstruierende Frauen werden als unrein betrachtet. Die Frau darf in diesem Zustand die Fastenzeit unterbrechen und hält die Menstruation geheim. Bei der Geburt ihres Kindes darf ihr Schreien nicht von Männern gehört werden. Wenn eine Frau schreit, sagt man "Warum  schreist du so laut? Sei leise ! " Jede unkontrollierte Äußerung gilt meist als schamlos, deshalb muß man sich immer zusammennehmen. "Die Defloration ist eine öffentliche Angelegenheit und muß daher für die junge Frau extrem peinlich sein; ebenso schmerzlich muß sie für den jungen Mann sein, von dem erwartet wird, daß er die Ehe sofort vollzieht, um dann, wenn er seine Kleider wieder in Ordnung gebracht hat, einer wartenden Frau das Feld zu überlassen, die die Genitalien der Frau grob abtrocknet,  damit der Fleck auf dem Laken so deutlich wie möglich erscheint."  (Hansen,  H ., S. 134 )


Schamhaftigkeit in Sprache, Gestik und Mimik, Schimpfworte
 
Frauen sprechen von ihren Männern mit Ausdrücken wie "meinen Mann" (Kocam,  benim Adam)  oder sie nennen ihn beim Vornamen,  während die Männer ihre Frauen nie mit Namen rufen,  sondern es werden Begriffe wie "meine Familie" (aile),  meine Gattin (benim Hanum),  Ehefrau (Karim) oder sie wird mit "sie" (o) gerufen, wobei jeder weiß, wer gemeint ist.
Bei Begegnungen in der Öffentlichkeit senken Frauen als auch Männer ihre Blicke und grüßen sich nicht. Wenn sich die Wege eines Mannes und einer Frau kreuzen, läßt die Frau den Mann passieren, damit hat der Mann sozusagen "die Vorfahrt". 

Das Wort „Ayip“ spielt in der Erziehung eine große Rolle. „Ayip“ bedeutet schändliches Verhalten. Dies wird meist für Disziplinierung in der Erziehung im Zusammenhang mit unkorrekten Verhaltensweisen gebraucht.
Es ist z.B. "ayip“, fremden Leuten, dem Arzt, den Lehrern alles zu erzählen. Es ist "ayip" zu essen, zu trinken, zu rauchen, wenn andere Leute fasten. Es ist "ayip" vor Älteren zu rauchen, breitbeinig zu sitzen etc..

Insbesondere bei Kindern beziehen sich die Schimpfworte bis zu 90% auf die Sexualität. Dies liegt darin begründet, daß über die Sexualität zu reden als Tabu betrachtet wird.
Diese Schamhaftigkeitsregeln dienen der Begrenzung und Disziplinierung des Körpers. Der Körper soll bedeckt und unsichtbar sein. Mit der Kleidung oder einem gemäßigten Verhalten, Senken der Stimme oder Schweigen, soll Kontrolle ausgeübt werden. Vom Körper soll vor allem keine sexuelle Attraktivität ausgehen. Die Überschreitung der Grenze dieser Kontrolle über den Körper gilt als schändlich, häßlich, unmoralisch, unrein, ekelerregend usw.. Die Frauen sollen zu Hause sitzen, sich nicht schminken und sie sollen eher ihren religiösen Pflichten nachkommen. "Und  sitzet still in euren Häusern und schmückt euch nicht. . . verrichtet das Gebet und entrichtet die Armenspende und gehorchet Allah und seine Gesandten" (Der  Koran,  Sure 33,  Nr.  33) .

Die Bedeckung der Körperteile insbesondere beim Gebet ist hinsichtlich der Frauen und Männer unterschiedlich. Während bei den Männern Bekleidung von unterhalb des Bauchnabels bis unterhalb der Knie vorgesehen ist, muß bei den Frauen außer dem Gesicht, der Hände und Füße der ganze Körper bedeckt werden. Dies muß besonders beim Gebet konsequent bedacht werden, auch in der Dunkelheit und wenn es dabei keinen anderen Menschen gibt.


Ehre des Mannes
 
Den Kindern werden vom frühesten Alter an bestimmte Verhaltensweisen beigebracht, die dazu dienen, ihren Körper gemäß den kulturellen Normen zu kennen und gebrauchen zu lernen. Man erwartet von den Frauen Zurückhaltung und Schamhaftigkeit, während man von den Männern Tapferkeit, Bestimmtheit und Stärke erwartet. "Kurz, die eigentliche weibliche Tugend, Iahia, die Scham, Bescheidenheit, Zurückhaltung, orientiert sich am gesamten weiblichen Körper nach unten, zur Erde, zum Haus nach Innen hin, während die männliche Vorbildlichkeit ihre Bestätigung in der Bewegung nach oben, nach draußen, zu den anderen Männern hin findet. (Bourdieu, Entwurf einer Theorie der Praxis, Frankfurt,  1976, S. 196)

Mit der Beschneidung der männlichen Kinder wird der erste Schritt zur Mannwerdung, getan. Mädchen werden mit dem Hochzeitsritual zur Frau gemacht. Beide Zeremonien führen zu einer Körperverletzung. Die Beschneidung bedeutet für den Jungen die Zugehörigkeit zur Männergesellschaft. Bei  der  Beschneidung wird Wert darauf gelegt, daß die Jugendlichen nicht weinen,  nicht schreien,  also sich tapfer verhalten. Den kleinen Jungen wird schon früh vermittelt, daß es bei der Beschneidung um ihre Männlichkeit geht. Ein weiterer Schritt zur Männlichkeit ist die Hochzeitsnacht, in der der junge Mann seine Männlichkeit beweisen muß,  d.h. . er muß die Frau entjungfern. Hier ist Virilität und männliche Ehre eng verbunden. Dem Mann wird hierbei eine aktive und der Frau eine passive Rolle zugeschrieben. Auch die Bewertung der männlichen Homosexualität wird innerhalb dieser Rolle gesehen. Wenn ein Mann seine Ehre nicht verlieren will, muß er sich nach außen hin aktiv zeigen. Das heißt, daß über diese ideale männliche Verhaltensweise die Frau negativ definiert wird.

Der Mann soll keine Schwäche zeigen. Dem Reiten, Wettreiten, Schießen,  Prügeln mit anderen Männern wird große Bedeutung beigemessen. Insbesondere wird bei diesen Aktivitäten großer Wert auf Stärke, Geschicklichkeit und Verteidigungsbereitschaft gelegt. Es wird vor Männern erwartet, daß sie ihren Blick nicht wie die Frau auf den Boden geheftet lassen, sondern wachsam auf die Umgebung. Ein Mann weicht dem Blick eines anderen Mannes nicht aus, sondern hält ihm Stand. Es gibt viele Bekundungen im türkischen Sprachgebrauch, die die Männlichkeit symbolisiert zum Ausdruck bringen. "Ein  ehrenhafter Mann steht zu seinem Wort" (Namus lu Erkek sözünü tutar); "ein Mensch, der sein Wort hält,  ist ein guter Mann"  (Sözünü tutan adam iyi bir erkek) . Wenn Fragen an die Frau gestellt werden, verweisen sie im allgemeinen auf ihre Männer, Väter oder Brüder. So sagen sie meist: "Ich weiß es nicht" (bilmiyoru) , "was weiß ich?" (Ben ne bilirim ?). Das sind Antworten,  die man von Frauen oft hört, die ein Mann dagegen nie äußern würde. Für Männer schreibt der Koran vor :"Sprich zu den Gläubigen, daß sìe ihre Blicke zum Boden schlagen und ihre Scham hüten.  Das ist reiner für sie"  (Sure 24,  Nr.  30) . Diese Angelegenheit wird in verschiedenen anderen Suren geregelt :  "0h Kinder Adams, hinab sandten wir auf euch Kleidung eure Blöße zu bedecken. . .  " (Sure 7,  Nr.  25).  "0h Kinder Adams, nicht verführe euch der Satan, wie er eure Eltern aus dem Paradies vertrieb, ihnen ihre Kleidung raubend, um ihnen ihre Blöße zu zeigen...." (Sure 7 , Nr.  26).

Im traditionellen türkischen Dorf besitzt jeder Mensch die Ehre, d.h. Ehre kann nicht erworben werden. Sie ist einem von Geburt an gegeben. Sie kann also nur verteidigt werden oder auch verloren gehen.

In den bäuerlichen Familien ist im allgemeinen die Frau für die innerfamiliären und der Mann für die außerfamiliären Verhältnisse zuständig, d.h., daß die Frau dem inneren und der Mann dem äußeren, öffentlichen Bereich zugeordnet ist.  Der Wert der Ehre beinhaltet also die geschlechtsspezifische Rolle von Mann und Frau. Ehebezogene Verhaltensnormen für Mann und Frau sind deshalb unterschiedlich. Die Ehre des Mannes hat folgende Komponente :  Sie bedeutet für den Mann an erster Stelle daß er eine VERTEIDIGUNGSPFLICHT gegen eine unerlaubte Überschreitung der Grenzen seines Besitzes, seines Hauses und seiner Felder hat. Diese Pflicht gilt auch gegenüber den Familienmitgliedern und auch für die Angehörigen seiner agnatischen Gruppe. Ein Angriff kann verbal, psychisch oder physisch erfolgen.

Die Ehre des Mannes ist abhängig von seiner Fähigkeit und Bereitwilligkeit seine Frauen, seine Familienmitglieder und seinen Besitz zu schützen und zu verteidigen. Er ist herausgefordert, seine Stärke, Härte, Männlichkeit und Virilität zu zeigen. Er muß auf jeden Angriff, Beleidigung oder jeder Herausforderung seiner Ehre reagieren. Er darf keine Schwäche zeigen, wenn seine Ehre verletzt wurde.

Die Ehre des Mannes ist nicht für alle Zeiten verloren, wenn er angegriffen wurde.  Ein Angriff bedeutet zunächst eine Herausforderung oder eine Beleidigung seines Ehrgefühls. Wenn er Rache übt, kann er seine Ehre wiederherstellen. Diese Unterscheidung gibt es für die Frau nicht. Wenn eine Frau vor oder außerhalb der Ehe mit einem Mann sexuell verkehrt hat,  ist diese Entehrung endgültig, Sie hat keine Möglichkeit, diese Tatsache wieder gutzumachen.

In vielen Teilen der Türkei ist jeder Mann verpflichtet, seine Verwandten  (Agnaten)  in  Streitfällen  zu unterstützen. Es kann vorkommen, daß in bestimmten Situationen ein Mann seine Ehre verliert, wenn er seine Verwandten in Streitfällen nicht unterstützt.

Die Ehefrau stellt die größte Gefahr für die Ehre eines Mannes dar. Sie ist die Person,  die seine Ehre am ehesten ruinieren oder retten kann. Mit der Heirat kommt eine fremde Person - die Braut -  in die Familie. Sie kann Unreinheit und Schande in die Familie bringen, die wiederum eine Gefährdung für seine Ehre bilden können. Das ist u. a.  auch ein Grund zum Heiraten unter Verwandten.  In einem solchen Fall kommt die Frau nicht mit fremden Männern in Verbindung. Es besteht also weniger Gefahr für eine Unehrenhaftigkeit. Unehrenhaftes Verhalten eines der Ehegatten bedeutet für beide Teile der Ehe eine Schande, weil sie zu der gleichen Verwandtschaft gehören.


Ansehen (Seref)

Den Wert der Ehre besitzt jeder,  d.h. . sie kann nicht erworben werden,  aber man kann sie verlieren. Das Ansehen (Seref) ist ein persönlicher Wert,  deren Bestimmtheit sich aus vielen Komponenten zusammensetzt, wie z.B. Prestige, ökonomischer Reichtum, Großzügigkeit, Gastfreundschaft, Redegewandtheit, Bildung, Religiosität, Einfluß bei der Bürokratie, Solidarität usw..
 
Seref spielt innerhalb der Familie keine große Rolle. Da die Familien nach außen durch die Männer vertreten werden, spielt das Ansehen zwischen den Männern eine Rolle, d.h. der Wert Seref bestimmt die Beziehungen zwischen Männern außerhalb der Familie. Die Männer respektieren ihre Familien und gleichzeitig auch die Ehre der Familien.

Insbesondere in den Dörfern zählen die Großzügigkeit und Gastfreundschaft zu den wesentlichen Faktoren männlicher Ehre und männlichen Ansehens. Wenn ein Mann nicht über die Mittel verfügt, seine Gäste angemessen und großzügig zu bewirten,  ist das für ihn ein Grund sich zu schämen. Ansehen und Ehre kann man mit großen Ausgaben erlangen.   Ökonomische Macht kann in Ansehen umgesetzt werden. Großzügige und prachtvolle Gestaltung der Hochzeitsfeste unter den Migranten in Berlin sind ein Zeichen dafür, wobei ich persönlich Hochzeitsfeste erlebt habe,  die den Betroffenen bis zu 30.000 DM gekostet haben.

Was die dörflichen Einwohner unter dem Begriff Ansehen verstehen, verdeutlichen die folgenden Aussagen:

"Aktive Verteidigung der Familie und Familienmitglieder"
"Anständiges Verhalten erhöht das Ansehen. Verletzung der sozialen Normen führt zum Ansehensverlust"
"Gut arbeiten, gut verdienen"
"Mit guter Ausbildung gewinnt man Ansehen"
"Kluge Leute haben immer Ansehen"
"Erfüllung der religiösen Pflichten"
"Entführung eines Mädchens zum Heiraten"
"Eine Hochzeitsfeier von 3 Tagen und 3 Nächten"
"Gute Bewirtung der Gäste"
"Mit Kopftüchern gewinnt man an Ansehen"
"Einen Wolf zu jagen"
"Beim Betteln hast du kein Ansehen"
"Gut anziehen, gut Trinken, gut Essen"
"Heirat mit einem Mädchen aus einem reichen Haus".

Die Ehre als solche bedeutet keine Steigerung des Ansehens. Der Wert "Ehre" ist kein gradueller Wert wie das Ansehen (Seref), das steigen oder sinken kann. Ehre ist ein absoluter Wert. Wenn die Ehre einmal verloren gegangen ist, ist sie für immer verloren. Der ehrlose Mensch hat die Möglichkeit entweder mit dieser Ehrlosigkeit zu leben oder unterzutauchen und seine Spuren unkenntlich zu machen.
Eine Frau wird als EHRLOS bezeichnet, wenn sie einen Ehebruch begangen hat oder ihre Jungfräulichkeit schuldhaft verloren hat. In diesem Falle wird nicht nur die Ehre der Frau sondern gleichzeitig die des Mannes bzw. der Männer in der Familie und der engeren Verwandtschaft verletzt, befleckt bzw. beschmutzt. Der Mann hat hier die Pflicht, seine Ehre durch eine entsprechende Reaktion wieder herzustellen. So kann er seine Frau im Fall einer außerehelichen Beziehung verstoßen oder im Extremfall die Frau oder ihren Liebhaber töten. Im Falle des Verlustes der Jungfräulichkeit der Tochter, der Schwester oder eines Mädchen aus der engeren Verwandtschaft kann auch die Tötung des Liebhabers in Frage kommen.

Ein türkischer Vater aus einem Dorf bei Gaziantep, der seit 18 Jahren in Berlin arbeitet und dessen Tochter von zu Hause verschwunden ist, sagte :  "Die Ehre bezieht sich auf die Frau. Meine Ehre bedeutet für mich meine Frau, meine Tochter, meine Schwester. Ich muß diese Frauen schützen. Wenn meine Frau heimlich mit einem anderen Mann ein Verhältnis begonnen hat oder meine Tochter oder meine Schwester bevor sie heiraten, sich heimlich einen Freund angeschafft haben, ist meine Ehre tief verletzt. Wenn die Verwandten und Bekannten sowohl hier in Berlin als auch im Heimatdorf dies erfahren, habe ich keine Ehre mehr. Ich kann weder ins Dorf gehen, noch hier unter meinen Verwandten und Bekannten in Erscheinung treten, so als ob nichts geschehen wäre. Dies würde für mich gleichgesetzt sein mit Sterben. Ich muß so schnell wie möglich meine befleckte Ehre wieder herstellen, Die von zu Hause verschwundene Tochter hat uns bei den Bekannten blamiert und uns ehrlos gemacht..."

Wie im Einzelfall die Reaktionen auf eine Ehrverletzung ausfallen, hängt von verschiedenen Faktoren bzw. Umständen ab.

Ein Vorfall, der als Ehrverletzung interpretiert werden könnte, muß in der Öffentlichkeit bekannt werden. Die Öffentlichkeit muß die Situation als eine ehrlose Situation für die betroffene Familie oder Gruppe interpretieren. Dadurch gerät die Familie in einen Handlungsdruck.

  • Wenn eine Handlung, eine Situation oder ein Verhalten schließlich als ehrlos eingestuft wird, wird zunächst die Lösung dieses Problems mit friedlichen Mitteln gesucht. (Beispiel: Im Falle eines Ehebruchs, Verlust der Jungfräulichkeit - Mädchen heiraten lassen, Frau scheiden lassen).
  • Wenn mit friedlichen Mitteln der Konflikt nicht gelöst wird, kann Gewalt in Frage kommen, d.h. die körperliche Verletzung bis hin zur Tötung, um die Ehre wieder herzustellen( Der Dokumentarfilm „Warum habe ich meine Tochter getötet?“(ZDF am 9.10.1986) ist ein Beispiel dafür).
  • Tötung, z.B. von Seiten des betroffenen Mannes oder eines Mannes aus seiner Familie
  • Dadurch kann dann eine Blutfehde (obwohl Blutrache mehr ökonomische Gründe hat, eine Art von Selbstjustiz) entstehen.


Geschlechtertrennung

Die Ehrkonzeption enthält die zeitliche, als auch die räumliche Trennung der Frauen und Männer voneinander.
Der Bereich der Männer liegt außerhalb des Hauses in der Öffentlichkeit. Die Räume des Mannes sind meist der Dorfraum (Köy odas), die Moschee, Plätze, Wege, Kaffeehaus, Restaurant u.ä.. Die Moschee wird fast ausschließlich von Männern besucht.

Es ist den Frauen nicht verboten, die Moschee zu besuchen, aber der Aufenthaltsraum für die Frauen muß durch einen Vorhang abgetrennt sein. Wege und Straßen sind für Frauen nicht verboten, aber sie müssen auf ihre Kleidung, Kopftuch und Verhalten achten, wenn sie auf der Straße gehen. In den Dörfern sind außer dem Haus, Brunnen, Backhaus, Waschhaus, Waschort am Bach Orte für die Frauen. Bei Festen wie Hochzeitsfesten, Beschneidungsfeiern oder Trauerfeiern feiern Frauen und Männer meist in getrennten Räumlichkeiten, wobei bei Trauerfeiern die Totenklage von den Frauen geführt wird und die Männer sich in beiden Räumlichkeiten aufhalten dürfen.

Wenn Männer und Frauen im gleichen Raum sind, kommt es häufig vor, daß die Sitzordnung bzw. Tischordnung anders geregelt wird, wie z.B. daß Frauen an einem Tisch und Männer an einem anderen Tisch sitzen. Die Nichtbeachtung bzw. Verletzung dieser oben beschriebenen Regeln zur Geschlechtertrennung können die Frauen in eine Mißstellung bringen, d.h. daß die Ehre und Scham auf diese Weise verletzt werden.


Das islamische Reinheitsgesetz

Für die Durchführung religiöser Ritualien ist die Reinheit der Person vorgesehen. Nach islamischer Lehre ist der Gläubige bei religiösen Handlungen direkt mit Allah konfrontiert. Deshalb muß er vor dem Ritual sich psychisch und seelisch reinigen. Die Reinheit muß möglichst durch fließendes Wasser, wenn es kein Wasser gibt, muß es ersatzweise mit Sand geschehen.

Es gibt körperliche Umstände, die Unreinheiten hervorrufen, die aber mit rituellen Waschungen wieder rein werden: Beischlaf, bei jedem Samenerguß, bei der Menstruation, bei unregelmäßigen Blutungen. Also, alles was der Körper ausscheidet wird als unrein betrachtet. Berührung von bestimmten Tieren wie tote Tiere, Schweine, Hundespeichel u.ä. bringen Unreinheiten mit sich.

Frauen werden viel häufiger als unrein betrachtet als Männer. Während Männer Unreinheiten jederzeit durch Waschungen aufheben können, befinden sich Frauen oft und länger und teilweise unaufhebbar im unreinen Zustand. Wenn man unrein ist, darf man nicht beten, nicht fasten, die heiligen Orte nicht besuchen und den Koran nicht berühren.

Von dem Unreinheitsgesetz sind auch unterschiedliche Verhaltensnormen erfaßt: Ledige dürfen nicht auf dem Bett von verheirateten Frauen sitzen, Essensreste, vor allem Brot, darf nicht in die Toilette geworfen werden, ein Lebensmittel, das auf den Boden gefallen ist, darf nicht noch einmal verwendet werden. Bei der Erziehung wird großer Wert darauf gelegt, den Kindern zu vermitteln was rein und was unrein ist.


Achtung, Respekt

Im folgenden möchte ich den Wert Saygi (Achtung, Respekt) in den türkischen Familien darstellen. Achtung oder Respekt wird in den türkischen Familien im Hinblick auf die Erziehung große Bedeutung zugemessen. folgende Verhaltensnormen sind Ausdruck von Respekt: Der Sohn hat Respekt vor dem Vater, Jüngere haben Respekt vor dem älteren Bruder (ältere Brüder werden als Abi angeredet, das ist ein Respekt erweisender Ausdruck), die Frau hat Respekt vor dem Mann, den Schwiegereltern usw.


Wie wird die Respektregel in der Familie befolgt ?

Innerhalb der Familie sind die Beziehungen zwischen Männern von einer gewissen Autorität und Ungleichheit gekennzeichnet, während außerhalb der Familie die Beziehungen zwischen Männern sich auf Gegenseitigkeit und Egalität bzw. Gleichberechtigung beruhen.
Zwischen den Beziehungen nach außen und nach innen bestehen hinsichtlich der Dauer und der Verbindlichkeit große Unterschiede. Die Beziehungen nach außen wie z.B. zwischen Nichtverwandten können jederzeit aufgenommen oder auch wieder aufgelöst werden, während die familiären Beziehungen einen dauerhaften Charakter haben.

Ein Mann muß nach innen autoritär sein, damit er auch nach außen seine Familie schützen und verteidigen kann. Bei einer schwachen Position nach innen verliert der Mann sein Ansehen (Seref) in der Gemeinschaft.

Das Sohn-Vater-Verhältnis in der Respektskonzeption sieht so aus:
Der Sohn darf dem Vater nicht offen widersprechen. In seiner Anwesenheit darf der Sohn nicht rauchen und kein Alkohol trinken und über Sexualität reden bzw. sexuelle Anspielungen machen. In Gegenwart des Vaters darf der Sohn seine Beine nicht übereinanderschlagen. Allerdings bringen die Söhne ihre Widersprüche oder Streitigkeiten in passiver Weise oder in Andeutungen zum Ausdruck :  z.B. indem sie das Essen verweigern oder in Anwesenheit des Vaters traurig herumsitzen oder mit dem Gesichtsausdruck widersprechen oder sie verschwinden von zu Hause oder intensivieren die Beziehungen zu ihrer Mutter.

Wenn sie diese Respektregeln verletzen, schämen sich die Jugendlichen. Es gibt Fälle, wo der Vater weiß. daß der Sohn z.B. raucht oder Alkohol trinkt, aber nicht in seiner Gegenwart. Formal werden die Respektregeln in solchen Situationen geachtet, daß heißt, die Söhne erweisen dem Vater Achtung, indem sie sich bedingungslos der väterlichen Autorität unterordnen, sich diszipliniert und kontrolliert verhalten und damit die Ungleichheit zwischen dem Vater und Sohn betont wird.

Das Tochter-Vater-Verhältnis in der Respektkonzeption ist ähnlich der des Sohnes. Sie erweisen dem Vater gegenüber Achtung, verhalten sich schamhaft. Die Schamhaftigkeit der Tochter im Alter bis kurz vor der Heirat ist besonders stark. Ein möglicher Verlust der Jungfräulichkeit der Tochter vor der Ehe kann die Beziehung völlig belasten. Hier hat der Vater die Tochter zu kontrollieren und gegen Angriffe von außen zu schützen und zu verteidigen. Verschwindet eine Tochter von zu Hause, wie es oft hier in der Migration passiert, hat das eine doppelte Belastung für den Vater: Einmal ist die Tochter respektlos geworden, zum anderen hat sie die Ehre des Vaters bzw. der Familie verletzt. Es ist der schlimmste Fall, wenn sie ihre Jungfräulichkeit verloren hat. Nach der Heirat verändert sich die Konstellation so, daß sie unter die Kontrolle des Bräutigams kommt und nur dem Schwiegervater Respekt erweisen muß, wie vorher dem Vater.

Das Tochter-Mutter-Verhältnis in der Respektskonzeption zeigt, daß der Mutter Achtung und Respekt von der Tochter entgegengebracht wird, aber nicht so ausgeprägt wie bei dem Vater. In Gegenwart der Mutter dürfen die Söhne als auch die Töchter nicht über Sexualität reden. In Anwesenheit der Mutter dürfen die Töchter weder rauchen noch trinken, während in vielen Fällen die Söhne rauchen dürfen.

In Auseinandersetzungen zwischen dem Sohn und dem Vater spielt die Mutter meist eine Vermittlerrolle. Probleme, die ein Sohn mit seinem Vater aus Scham und Respekt nicht besprechen kann, kann er mit der Mutter besprechen,  die wiederum die Meinung des Vaters einholt.

Die Frau muß dem Mann Respekt erweisen. Sie muß in der Öffentlichkeit, auch in Anwesenheit anderer Familienmitglieder, jede zärtliche Berührung, oft auch jede Anspielung vermeiden. Kinderwünsche des Ehemannes zu erfüllen, gehört zum Respektkonzept gegenüber dem Mann. Je kürzer ein Ehepaar verheiratet ist, desto strenger sind die Vermeidungsregeln. In der Öffentlichkeit dürfen sich die Paare nicht küssen, nicht Hand in Hand laufen. Auf der Straße läuft der Mann immer vor, die Frau hinter ihm her.

Söhne werden als eine Garantie für die Zukunft betrachtet. Die Töchter geben diese Zukunftsgarantie nicht, denn mit der Heirat gehen die Töchter von zu Hause weg. Eine Scheidung hat für die Frau gravierende Folgen, sei es durch die Verletzung der Ehrkonzeptionsregeln oder Mißachtung gegenüber dem Mann und anderer Männer usw..

Solange eine Frau ihre Ehre bewahrt, Söhne zur Welt bringt und ihre Arbeit tut, wird sie als ehrenhaft betrachtet. Eine unehrenhafte Frau ist nicht rechtlich aber faktisch eine rechtlose Frau. Sie verliert auch die Unterstützung der Ursprungsfamilie und der Nachbarschaft.

Zum Respekt der Frau vor dem Mann sagt der Koran: "Männer sind den Weibern überlegen... Die rechtschaffenen Frauen sind gehorsam und sorgsam in der Abwesenheit (ihres Gatten), wie Allah für sie sorgte. Diejenigen aber, für deren Widerspenstigkeit ihr fürchtet - warnet sie, verbannet in die Schlafzimmer und schlagt sie. Und so sie euch gehorchen, so suchet keinen Weg wider sie; siehe, Allah ist wissend und weise... (Sure 4, Nr. 34).



 LITERATUR

1. Bourdieu, P.: Entwurf einer Theorie der Praxis, Frankfurt 1976
2. Calisirlar Oral:    Frau und Sexualität im Islam (Islamda Kadin ve Cinsellik), Istanbul 1991
3. Der Koran : Aus dem Arabischen übersetzt von Max Hennig, Stuttgart 1992
4. Hansen, H.: The Kurdish Womens Life, Kopenhagen 1961
5. Mernissi, F.: Geschlecht Ideologie, Islam, München 1987
6. Petersen, A.: Ehe und Scham, Exition, Berlin 1988
7. Schiffauer, W.: Gewalt der Ehre, Frankfurt 1976
8. Ucar, A: Religiöse Erziehung in der Türkei in: Sozialisationsbedingungen ausländischer Kinder in der Bundesrepublik Deutschland Bd.I,S.202 ff., Materialien zur Lehrerfortbildung im Ausländerbereich, Senator für Schule, Berufsausbildung und Sport, Berlin 1987
9. Ucar, A.: Benachteiligt: Ausländische Kinder in der deutschen Sonderschule, Baltmannsweiler 1996       



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