14. Dezember 2018

Das Sprachverhalten türkischstämmiger Jugendlicher

Während die Standardsprache als die zentrale Sprachvarietät in einer Sprachgemeinschaft gilt, stellt die Jugendsprache eine gruppenspezifische Varietät dar.

Prof. Dr. Emel Huber

SPRACHVERHALTEN TÜRKISCHSTÄMMIGER JUGENDLICHER

Es ist eine weit verbreitete Erscheinung, dass Jugendliche unter sich eine Jugendsprache sprechen. Im Altersabschnitt von ungefähr Pubertät bis Mitte Zwanzig kommunizieren die Jungendlichen in einer Sprache, die sie aus den Elementen der Allgemeinsprache entwickeln. Während die Standardsprache als die zentrale Sprachvarietät in einer Sprachgemeinschaft gilt, bildet die Jugendsprache eine gruppenspezifische Varietät dar, ist also eine soziologisch bedingte sprachliche Erscheinung. Als Entstehungsgrund der Jugendsprachen wird allgemein angenommen, dass sich die Jugendlichen von den Erwachsenen abgrenzen wollen, dass sie sich in ihrer Sprachverwendung ihre peer-groups bilden. Neben anderen peer-group-Erscheinungen wie Bekleidung, Freizeitgestaltung, Kommunikationsverhalten usf. stellt somit die Jugendsprache einen Aspekt in der Identitätsentwicklung und der Identifikation der einzelnen Jugendlichen dar.

Das Sprachverhalten türkischstämmiger Jugendlicher in Deutschland weist einerseits typische Eigenschaften auf, indem die Jugendlichen eine Jugendsprache unter sich sprechen, unterscheidet sich allerdings von dem Sprachverhalten einsprachiger Jugendlicher dadurch, dass die türkischen Jugendlichen eine zweisprachige Jugendsprache entwickelt haben. Diese neuere Entwicklung der zweisprachigen Jugendsprache der türkischstämmigen Jugendlichen in Deutschland wird allgemein als Kanaksprak bezeichnet. Kanaksprak ist eine Varietät der deutschen Sprache, eine Pidgingerscheinung des Deutschen, stellt also eine vereinfachte Variante des Deutschen dar, enthält aber auch türkische Elemente auf phonologischer, morphologischer und syntaktischer Ebene und im Wortschatz.

Neben Kanaksprak haben die türkischstämmigen Jugendlichen weitere Jugendsprachen und zwar die deutsche Jugendsprache und die türkische Jugendsprache. Als eine soziolinguistische Erscheinung hat aber auch die Jugendsprache unter sich Varietäten, die auf Schichtenzugehörigkeit und auf Bildungsniveau der Jugendlichen zurückgehen. So werden in der Türkei unterschiedliche Jugendsprachen parallel gesprochen, die nach der allgemeinen soziolinguistischen Bezeichnung in low-variety und high-variety unterschieden werden können. Weil die türkischen Jugendlichen in Deutschland größtenteils der Arbeiterklasse zugehören, sprechen die meisten auf Türkisch die low-variety der türkischen Jugendsprache.

Das Sprachverhalten der türkischstämmigen Jugendlichen in Deutschland bewegt sich somit auf einer weitgefächerten Sprachenvielfalt von der deutschen Standardsprache, der türkischen Standardsprache, Kanaksprak, der deutschen Jugendsprache und der türkischen Jugendsprache(n).

Die Beherrschung und Anwendung dieser Sprachvarietäten unter den Jugendlichen unterscheidet sich sehr stark. Je höher die Sprachkompetenz der Jugendlichen in der türkischen und deutschen Sprache liegt, desto mehr Varietäten beherrschen sie.

Jugendliche, die in ihren Familien Türkisch als erste Sprache (als Muttersprache) und in frühen Jahren - so zum Beispiel im Kindergarten - Deutsch als zweite Sprache erlernen, beherrschen mehr Varietäten. Jugendliche, die in beiden Sprachen, also in türkischer und deutscher Sprache alphabetisiert werden, beherrschen mehr Varietäten. Dies beinhaltet auch die Beherrschung unterschiedlicher Mundarten und der Standardsprache sowohl im Türkischen als auch im Deutschen. Auf diese Weise beherrschen zum Beispiel Kinder türkischer Migranten, die sowohl zu Hause als auch in der Schule sprachlich und kulturell unterstützt werden, eine äußerst breite Palette an Sprachen: die türkische Mundart der Familie, die türkische Standardsprache, die türkische Jugendsprache mit low- und/oder high-variety, die deutsche Mundart ihrer Stadt oder Region, die deutsche Standardsprache, die deutsche Jugendsprache und Kanaksprak.

Neben Beherrschung und Anwendung unterschiedlicher Sprachvarietäten zeigt sich das Sprachverhalten der türkischstämmigen Jugendlichen eine weitere Besonderheit auf, die ebenfalls auf ihre Zweisprachigkeit zurückgeht und zwar das Code-switching. Unter Code-switching wird der Wechsel, das Hin- und Herspringen zwischen zwei (oder mehr) Sprachen in einer Kommunikationssituation verstanden. In der Sprachwissenschaft wird das Mischen unterschiedlicher Sprachen in einer Kommunikationssituation in zwei Formen aufgeteilt: Code-switching und Code-mixing. Code-mixing liegt vor, wenn in die Kommunikationssprache lexikalische Elemente aus einer anderen Sprache eingebaut werden. So zum Beispiel in Gene bahnhofta bulu?al?m. / Meine elti ist gekommen. Code-switching liegt vor, wenn ganze Sätze oder Satzteile in unterschiedlichen Sprachen produziert werden. So zum Beispiel in Art?k çok oldu. Dayanayaca??m. Das habe ich ihm auch gesagt. Ama görür o. Ich werd’s ihm zeigen. Während der Sprachgebrauch der ersten Gastarbeitergeneration in Deutschland durch Code-mixing auffiel, fällt der Sprachgebrauch der heutigen Jugend mit türkischer Herkunft durch Code-switching auf.

Für das Sprachverhalten, geprägt durch ständiges türkisch-deutsches Code-switching, können unterschiedliche Gründe vorliegen. Nach ihrem Sprachgebrauch gefragt, antworten die türkischen Jugendlichen, sie würden in der Sprache sprechen, die ihnen im Augenblick der Kommunikation "leichter" vorkommt. Das Empfinden mancher sprachlicher Wörter und Formen als leicht oder schwer scheint allerdings bestimmten Kommunikationsmechanismen zu folgen, die ich unten kurz zusammenfassen möchte:

1. Beweggrund: Gesprächspartner

Einen wesentlichen Beweggrund zur Sprachwahl der Jugendlichen bildet das Sprachvermögen oder Sprachverhalten ihrer Gesprächspartner.

1.1 In der Kommunikation mit deutschsprachigen Erwachsenen sprechen diejenigen Jugendlichen, die eine hohe Sprachkompetenz im Deutschen und Türkischen entwickelt haben, nur in deutscher Sprache, also ohne Code-switching. Diejenigen, die eine niedrigere Sprachkompetenz im Deutschen entwickelt haben, sprechen eher die Kanaksprak, die viele türkische Elemente im Wortschatz enthält, so zum Beispiel Anredeformen, Interjektionen, Schimpfwörter udgl.

1.2 In der Kommunikation mit türkischsprachigen Erwachsenen sprechen diejenigen Jugendlichen, die eine hohe Sprachkompetenz im Deutschen und Türkischen entwickelt haben, nur in türkischer Sprache, also ohne Code-switching. Bei Wörtern und Wendungen, die ihnen in türkischer Sprache nicht bekannt sind, sind sie sich im klaren, dass sie sie nicht kennen und führen diese deutschen Wörter und Wendungen mit Erklärungen in ihren türkischen Diskurs ein und fragen gezielt nach der türkischen Entsprechung. Das heißt, sie bewegen sich auch auf der metasprachlichen Ebene. Diejenigen Jugendlichen, die eine niedrige Sprachkompetenz im Türkischen und Deutschen entwickelt haben, sprechen mit türkisch-deutschem Code-mixing und scheinen sich dessen nicht bewußt zu sein.

1.3 In der Kommunikation mit deutschsprachigen Jugendlichen sprechen diejenigen Jugendlichen, die eine hohe Sprachkompetenz im Deutschen und Türkischen entwickelt haben, die Variante der deutschen Jugendsprache, die in ihrer peer-group gesprochen wird. Diejenigen Jugendlichen, die eine niedrige Sprachkompetenz im Türkischen und Deutschen entwickelt haben, sprechen in Kanaksprak.

1.4 In der Kommunikation mit türkisch-deutsch bilingualen Jugendlichen sprechen die meisten mit Code-switching. Eigentlich ist das sehr naheliegend, denn ein switching ins Türkische oder Deutsche können sie sich nicht leisten, wenn ihre Gesprächspartner einsprachig sind. Das bedeutet auch, dass die bilingualen Jugendlichen sich ständig im Klaren darüber sind, über was für Sprachkompetenz ihre jeweiligen Gesprächspartner verfügen. Und genau dieses Sprachverhalten ist es, das für die Sprachverwendung der türkischen Jugendlichen charakteristisch ist und das sie selbst damit erklären, sie würden diejenige Sprache wählen, die ihnen gerade leichter über die Zunge geht.

2. Beweggrund: Modewörter in Jugendsprachen

Schnellere (deshalb als leichter empfundene) Greifbarkeit mancher Wörter und Formen betrifft zum einen die Modewörter der Jugendsprachen. Weil sie sowohl die türkische als auch die deutsche Jugendsprache beherrschen und weil diese Jugendsprachen sich an unterschiedlichen Wörtern und Formen (wie zum Beispiel Adjektiven, Nomina, Verben oder Injektionen) festmachen, setzen die Jugendlichen die Formen ein, die gerade in den Kontext passt. Da ist es irrelevant, aus welcher Sprache sie stammen. Interessant ist es allerdings bei diesen Jugendlichen, dass diese Wörter oder Wortgruppen nicht als isolierte sprachliche Einheiten in die türkischen / deutschen Sätze eingebaut sind, sondern als größere sprachliche Einheiten verwendet werden. Deshalb handelt es sich bei der Sprachmischung der Jugendlichen meistens nicht um Code-mixing, sondern um Code-switching.

3. Beweggrund: Kulturell bedingter Sprachgebrauch

Neben Modewörter der jeweiligen Jugendsprachen motiviert die Jugendlichen auch der kulturell bedingte Sprachgebrauch zum Code-switching. Der kulturell bedingte Sprachgebrauch tritt häufig bei familiären Auseinandersetzungen und zwischenmenschlichen Themen auf. Dies betrifft allerdings nicht nur den türkisch – deutschen Code-Wechsel, sondern auch die Verwendung mundartlicher Formen im Türkischen, weil da viele (sub-)kulturelle Aspekte und Wertschätzungen den Sprachgebrauch beeinflussen.

4. Beweggrund: Gruppenbildung

Eine weitere Motivation zum Code-switching bildet das Gefühl des von-anderen-unterschiedlich-und-einander- ähnlich-Seins, das heißt das Gefühl der "Zusammengehörigkeit", der Wunsch, immer neue peer-groups zu bilden. Dieses Sprachverhalten ist stark psychisch motiviert und führt zu folgenden Erscheinungen:

Wenn bilinguale Jugendliche mit bilungualen Erwachsenen sprechen und sich von ihnen abgrenzen wollen, sprechen sie mit den Erwachsenen Türkisch und untereinander sprechen sie im türkisch-deutschen Code-Wechsel. Kaum dass ein einsprachiger Erwachsener in die Gruppe zustößt, nehmen sie die bilingualen Erwachsenen in ihre Gruppe auf und sprechen auch mit ihnen im türkisch-deutschen Code-Wechsel. Dabei ist es nicht wichtig, ob der einsprachige Erwachsene türkisch- oder deutschsprachig ist. Wichtig ist die Gruppenbildung von "Wir switcher".

5. Beweggrund: Sprachsystemabhängige Konstruktionsstrategie

Wenn die bilingualen Jugendlichen in Kleingruppen unter sich sind, motivieren sie auch manche syntaktischen Strukturerscheinungen zum Code-switching. Türkisch ist eine linksverzweigende Sprache, deshalb kommt das Prädikat am Ende des Satzes. Das bedeutet, dass die Zeit-, Ort- und Kausalangaben alle vor dem Prädikat formuliert werden. Die Konstruktion eines solchen Satzes erfordert eine andere Planung als bei deutschen Sätzen, weil im Deutschen die Kausalangaben rechts vom Prädikat stehen (können). Bezüglich der syntaktischen Strukturplanung ist diese Rechtsverzweigung viel leichter. Deshalb fangen die Jugendlichen ihre Äußerungen sehr oft in türkischen Hauptsätzen an und formulieren ihre Gründe mit rechtsverzweigenden weil –Konstruktionen, und müssen deshalb zum Deutschen "switchen". So zum Beispiel in Dün derse yeti?emedim, weil die Züge nicht fuhren.

 Das Sprachverhalten der türkischstämmigen Jugendlichen ist sehr facettenreich. Es ist verbunden mit soziologischen, psychologischen und sprachlichen Aspekten. Oft drückt es eine Freude aus und müsste als ein Sprachspiel angesehen werden. Es ist sicherlich ein sprachlicher Reichtum mit psychischen und psychologischen Nebengewinnen. Fatal wäre es, ihnen diese Möglichkeit zu verbieten. Ebenso fatal ist es aber auch, wenn sie dazu verdonnert werden, sich nur im Code-switching und in Kanaksprak zu verständigen, weil sie in den jeweiligen Sprachen Türkisch und Deutsch keine ausreichende Sprachkompetenz entwickeln. Deshalb sollten sie sowohl im Deutschen als auch im Türkischen schulisch unterstützt werden.

Fazit
Das Sprachverhalten der türkischstämmigen Jugendlichen ist sehr facettenreich. Es ist verbunden mit soziologischen, psychologischen und sprachlichen Aspekten. Oft drückt es eine Freude aus und müsste als ein Sprachspiel angesehen werden. Es ist sicherlich ein sprachlicher Reichtum mit psychischen und psychologischen Nebengewinnen. Fatal wäre es, ihnen diese Möglichkeit zu verbieten. Ebenso fatal ist es aber auch, wenn sie dazu verdonnert werden, sich nur im Code-switching und in Kanaksprak zu verständigen, weil sie in den jeweiligen Sprachen Türkisch und Deutsch keine ausreichende Sprachkompetenz entwickeln. Deshalb sollten sie sowohl im Deutschen als auch im Türkischen schulisch unterstützt werden.
 



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