14. Dezember 2018

Thesen zur Elternarbeit mit Migrantenfamilien

Grundsätze, Dimensionen, Grenzen und mögliche Zielperspektiven

Prof. Dr. Ali Ucar

Migrationsfamilien sind an einer Zusammenarbeit mit der Schule interessiert und dafür ansprechbar. Sie sind aber nicht aktiv und sie ergreifen in der Regel nicht die Initiative (Dickopp 1982, S. 132; Grube/Ozkara, S. 107).

Der überwiegende Teil der ausländischen Eltern steht der deutschen Schule keineswegs unwillig gegenüber, wie viele deutsche Lehrer irrtümlich annehmen. Sie haben eine hohe Bildungsmotivation, erhalten aber zu wenig Informationen über ihre Rechte und Möglichkeiten.

Die Eltern erahnen viele Probleme, wie Diskrepanz zwischen den eigenen Erfahrungen und Reaktionen hierauf, wissen aber kaum Möglichkeiten, diese miteinander in Einklang zu bringen.

Die Autorinnen des Forschungsberichtes "Zusammenarbeit mit ausländischen Eltern in Hanau" bestätigen diese Aussage. "Unsere Erfahrungen mit ausländischen Eltern zeigen, dass sie durchaus Interesse haben und sich beteiligen, wenn es gelingt, ihr Vertrauen zu gewinnen, ihnen zu zeigen, dass ihre Mitarbeit erwünscht ist und Möglichkeiten dafür zu schaffen." (Bär u. a.: Zusammenarbeit mit ausländischen Eltern in den Vorlaufsgruppen der Stadt Hanau in: VIA Materialien zum Projektversuch "ausländische Arbeiter", Nr. 38, S. 51-66).

Die Frage ist, wie kann die hohe Bildungsmotivation der Eltern zugunsten einer erfolgreichen Zusammenarbeit gewonnen werden? Diese Frage zu untersuchen, wäre m. E. ein Forschungsprojekt wert.

Migrantenfamilien nehmen bevorzugt solche Angebote wahr, deren praktische Nutzung unmittelbar einsichtig ist

Mit abstrakten, allgemeinen Themen oder Themen, die die Eltern wenig interessieren bzw. keine konkreten Vorstellungen der Eltern berühren, ist es schwierig, die Eltern für eine Zusammenarbeit zu gewinnen. Dies gilt auch für die deutschen Eltern. Migrantenfamilien leisten gerne einen eigenen Beitrag, der sich nicht auf Folklore beschränkt, sondern sich auf die gesamte Breite der Vermittlung ihrer kulturellen Tradition bezieht (schulische Veranstaltungen, Schul- und Sportfeste, Elterntreffen, Tag der offenen Tür, Bauchtanz auf einem Schulfest, Tee-Nachmittage sind geeignete Formen für diese Art der Elternarbeit).

Mit den Eltern von Migrantenkindern lassen sich besser allgemeine nationalitätenbezogene Probleme besprechen als individuell-persönliche Probleme. Es gelingt nur sehr schwer, das Verhältnis Eltern-Kind oder Lehrer-Schüler zum Mittelpunkt von Gesprächen zu machen. Es ist nicht empfehlenswert, den Einstieg in die Elternarbeit an Konfliktsituationen anzusetzen.

Die Zusammenarbeit mit ausländischen Eltern lässt sich nur selten auf schulisch relevante Fragen und Probleme alleine eingrenzen; thematisiert werden sollte immer wieder zugleich das gesamte Spektrum der Problemlage: Wohnungsfragen, Behördenprobleme, rechtliche Fragen wie Arbeits- und Aufenthaltsrecht, Familienrecht usw., kulturelle Vorbehalte, Entfremdung der Kinder von den Eltern, Gewalt, Ausländerfeindlichkeit, politische Fragen usw. (Eine Lehrerin berichtete: "Beim Hausbesuch wollte ich erfahren, ob die Eltern einen Arzttermin in der Klinik Heubner-Weg gemacht haben. Die Eltern bejahten dies, aber sie konnten die schriftliche Einladung nicht finden; sie haben einen Sack voller Papierkram auf dem Boden entleert und ich sollte mir die Einladung raussuchen. Das ist mir wegen des Durcheinanders nicht gelungen").

Die Lehrerinnen und Lehrer sollten verstehen und berücksichtigen, dass bei ausländischen Eltern die Erziehungsfragen oft von anderen existentiellen Problemen überlagert sind. Die Eltern bitten dann die Lehrerinnen und Lehrer konkret um Hilfe. Hier kann ich meine eigenen Erfahrungen als Beispiel zitieren: In 1121 Beratungsfällen von ausländischen Eltern, die pädagogische und psychologische Beratung für Schülerinnen und Schüler aufgesucht haben, konnte ich feststellen, dass mit 52 % andere existentielle Probleme als die pädagogischen Probleme den Vorrang hatten wie z. B. Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis, familienrechtliche Fragen, Wohnung, Arbeitssuche, Sozialversicherung usw. (Ucar, A./Essinger, H., 1993, S. 298). Elternarbeit mit der Migrantenfamilie erfordert Offenheit, Toleranz, Sensibilität, Verständnis und Akzeptanz für eine andere Kultur und für spezifische Lebenssituationen ausländischer Eltern.

Elternarbeit als Erwachsenenpädagogik fördert die Anerkennung der Eltern als gleichberechtigte Partner. Elternarbeit ist demnach nicht nur für die Eltern, um die Unterstützung der Belange der Schule zu gewinnen oder Hindernisse zu beseitigen, sondern sie bedeutet, mit den Eltern pädagogisch zusammenzuarbeiten: Ihre Ängste, Nöte und Anregungen ernst zu nehmen, sie einzubeziehen als gleichberechtigten Partner. Auf Seiten der Lehrerinnen und Lehrer bedeutet das, Eltern auch das Gefühl zu vermitteln, dass sie gebraucht werden (Grube/Özkara, S. 115). Ein persönlicher Kontakt, ein persönliches Gespräch und eine persönliche Beratung haben einen äußerst hohen Stellenwert bei den Eltern. Elternarbeit sollte die Zusammenarbeit, Solidarität und ein friedliches Zusammenleben von ausländischen und deutschen Eltern fördern (Schulfeste, gemeinsame Ausflüge, Tag der offenen Tür, Koch- und Teenachmittage sind geeignete Formen).

Elternarbeit kann nicht mit dem Anspruch durchgeführt werden, damit familiäre Verhältnisse von ausländischen Eltern zu ändern. Man kann nicht immer kurzfristige Erfolge erreichen. EA muss also als langfristige, kontinuierliche Arbeit angelegt sein. In der Elternarbeit muss man die Enttäuschungen einkalkulieren, weil man den Eltern nicht immer Hilfe leisten kann (wie Wohnung, Lehrstelle, Ausweisung usw.).

Die Elternschaft ist äußerst heterogen und die Probleme sind unterschiedlich, d. h. die Lehrerinnen und Lehrer müssen die Grenzen der Elternarbeit akzeptierten und dementsprechend ihre Arbeit planen.

Elternarbeit sollte nicht nur Anliegen und Aufgabe eines Lehrers / einer Lehrerin sein, sondern auch Anliegen des Kollegiums einer Schule. Dafür sprechen Gründe wie Arbeitsentlastung, bessere Informationsvermittlung, Arbeitsteilung, Fortbildung usw. Elternarbeit erfordert eine Zusammenarbeit mit Selbsthilfegruppen, Vereinen, Beratungsstellen, Bürgerinitiativen und ähnlichen Organisationen im Stadtteil. Elternarbeit hat deshalb einen gemeinwesenorientierten Charakter.

Die Formen der Zusammenarbeit zwischen der Schule und den Migrantenfamilien lassen sich nur schulisch institutionalisieren. Es bedarf hier einer großen Vielfalt vom Formen der Elternarbeit.

Die allgemeine Zielperspektive der Elternarbeit mit Migrantenfamilien sollte die Verbesserung der Bildungschancen ausländischer Kinder sein. Die Verbesserung ist eingebettet in ein Integrationskonzept, das darauf gerichtet ist, für Migranten volle gleichberechtigte Teilnahme am gesellschaftlichen Leben der Aufnahmegesellschaft zu erreichen. Dazu kann und sollte die EA einen Beitrag leisten.

 

Literatur

Apeltauer, Ernst, 1981: Arbeit mit ausländischen Eltern. In: Deutsch lernen, H. 4, S. 22-40.

Bär, Monika u. a., 1983: Zusammenarbeit mit ausländischen Eltern in den Vorlaufgruppen der Stadt Hanau. In: VIA, Materialien zum Projektbereich „Ausländische Arbeiter", Nr. 38, S. 51-66.

Dauber, Heinrich, 1978: Zur pädagogischen Theorie. In: Eltern, Lehrer, Schüler – Zusammenarbeit in Theorie und Praxis (Arbeitsbericht I des 2. Innovativen Modells im WKM), Vlotho, S. 2-6.

Dickopp, Karl-H., 1982: Erziehung ausländischer Kinder als pädagogische Herausforderung: Das Krefelder Modell, Düsseldorf (insb. S. 130?132).

Gehlen, Norbert, 1980: Elternarbeit mit ausländischen Eltern. In: Ausländerkinder?Forum für Schule und Sozialpädagogik, H. 4, S. 71-88.

Gehlen u. a., 1983: Zusammenarbeit mit ausländischen Eltern, Deutsches Institut für Fernstudien (DIFF), Tübingen (Projekt Ausländerkinder in der Schule).

Günther, Maren u. a.: Eltern und Schule – Einstellungen und Voraussetzungen zur Mitwirkung. In: Schulmitwirkung und Schulalltag – ein Beitrag zur politischen Bildungsarbeit mit Eltern (Teil 2: Grundlagenmaterialien) Band 177 der Schriftreihe der Bundeszentrale.

Huppertz, Norbert, 1979 a: Die Kooperation zwischen pädagogischen Institutionen, Forschungsbericht unter Mitwirkung von J. Rumpf, Freiburg, unveröffentlicht.

Huppertz, Norbert, 1979 b: Wie Lehrer und Eltern zusammenarbeiten, Freiburg.

KMK (Kultusminister-Konferenz) 1976: Empfehlungen zum Unterricht für Kinder ausländischer Arbeitnehmer. Nachgedruckt in: Forschungsstelle ALFA, Berichte und Materialien 6, Neuss, o. J. (vergriffen).

Kultusminister des Landes Nordrhein?Westfalen, 1983: Erfahrungsbericht zum Schulmitwirkungsgesetz, Düsseldorf (Drs. des Landtages 9/1392).

Kultusministerium Nordrhein?Westfalen 1983: Handbuch zur Schulmitwirkung, 6. Auflage.

Militzer u. a., 1983: Anregungen zur Ausländerpädagogik. In: Welt des Kindes, Jan./Feb., 61. Jg, S.59?64.

Müller, Hermann, 1980: Lehrer- und Elternbeziehungen im Abseits? In: Forum E.H. 2, S. 37?40.

Neumann, Ursula, 1981: Erziehung ausländischer Kinder, Düsseldorf, 2. Auflage (1. Auflage 1980; Neuauflage, München 1982).

Neumann, Ursula, 1982: Beratungsbroschüre – Elternbriefe. In: Landesinstitut/Regionale Arbeitsstelle für ausländische Kinder und Jugendliche, Info 3, Ausländer in Schule und Weiterbildung, S. 43?44.

Sandfuchs, Uwe, 1981: Kooperation mit ausländischen Eltern – Ein Beitrag zu Integration und Schulerfolg der Kinder. In: Ausländerkinder – Forum für Schule und Sozialpädagogik, H. 14, S. 107?114.

Schmitt, Guido, 1983: Probleme und Methoden der Elternarbeit mit ausländischen (und deutschen) Eltern. Vortrag am 7. Mai 1983, Pädagogische Hochschule Freiburg, abgedruckt als Protokoll. In: Ausländerkinder – Forum für Schule und Sozialpädagogik, H. 14, S. 107?114.

Ucar, Ali, 1983: Pädagogische Arbeit mit ausländischen Eltern. In: VIA ? Materialien zum Projektbereich ausländische Arbeiter, 38, S. 73?90 und Infoblatt der Schulpsychologischen Beratungsstelle Kreuzberg/Berlin, Nr. 7 vom 15.06.1981.

Ucar, Ali, 2005: Kulturdolmetscher. In: Info Nr. 56 des Schulpsychologischen Beratungszentrums Friedrichshain-Kreuzberg Berlin, März 2005.



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