14. Dezember 2018

Elternarbeit aus der Sicht von Migrantenfamilien

Pädagogische Zusammenarbeit zwischen Eltern und der Schule unter besonderer Berücksichtigung der Migrantenfamilien

Prof. Dr. Ali Ucar

Die Elternarbeit (EA) ist ein Sammelbegriff für Aktivitäten im Spannungsfeld zwischen den pädagogischen Einrichtungen und den Eltern der von ihnen betreuten Kinder und Jugendlichen (Pädagogische Einrichtungen sind Kindergarten, Schule, Hort, Jugendzentrum u. ä.). Im Allgemeinen umfasst EA auch die Elternmitwirkung, Elternmitarbeit und Elternbildung.

Mit Elternarbeit im engeren Sinne meine ich solche Aktivitäten, die auf die pädagogische Arbeit mit Kindern und Jugendlichen bezogen sind (die abzugrenzen sind von Familienbetreuung, allgemeiner Sozialberatung und allgemeinen Erwachsenenbildungsangeboten (Gehlen, N.: Elternarbeit, 1984. In Auernheimer).

Meinen Ausführungen lege ich das engere Begriffsverständnis der EA zugrunde und beschränke mich auf die Schule.

Notwendigkeit von Elternarbeit (EA)

Die Zusammenarbeit zwischen der Schule und dem Elternhaus ist notwendig. Sie gehört zu den zentralen Aufgaben eines nach pädagogischen Prinzipien ausgestalteten Schullebens. Eine Schule, die mit ihrem Bildungs- und Erziehungsauftrag an der Gesamtpersönlichkeit des Kindes orientiert ist, kann auf eine vertrauensvolle Zusammenarbeit nicht verzichten.

Die Eltern haben ein Recht auf die Zusammenarbeit, deren Grundlagen in der Verfassung verankert sind. Aus Kapazitätsgründen möchte ich auf die rechtlichen Aspekte der Zusammenarbeit nicht eingehen (z. B. Erziehungsrecht der Eltern, Elternmitwirkungsrechte, Schulverfassungsgesetze usw.). Das Bundesverfassungsgericht hat dies so ausgedrückt: "Der staatliche Bildungsauftrag in der Schule ist in seinem Bereich dem elterlichen Erziehungsrecht nicht nach-, sonder gleich geordnet. Diese gemeinsame Erziehungsaufgabe von Eltern und Schule, welche die Bildung der Persönlichkeit des Kindes zum Ziel hat, lässt sich nicht in einzelne Komponenten zerlegen. Sie ist in einem sinnvoll aufeinander bezogenen Zusammenwirken zu erfüllen." (Ministerium für Kultur und Sport, Baden-Württemberg, Elternarbeit an Schulen mit hohem Ausländeranteil, Reihe 6, Heft 5).

Elternarbeit mit ausländischen Eltern beinhaltet, hinsichtlich ihrer rechtlichen Grundlagen (KMK-Beschluss, 1976, Nr. 1.1) Ziele, Inhalte, Bedingungszusammenhänge, Formen und auch hinsichtlich der in ihrem Verlauf auftretenden Probleme, weitgehend die gleichen Elemente wie die EA mit deutschen Eltern. Sie weist aber darüber hinaus weitere spezifische Merkmale auf. Bei meinen Ausführungen bilden diese spezifischen Merkmale den Schwerpunkt.

Die o. g. Aussage des Bundesverfassungsgerichtes gewinnt für Schülerinnen und Schüler nichtdeutscher Herkunftssprache eine ganz besondere Bedeutung. Kinder nichtdeutscher Herkunftssprache sind Kinder, die am ehesten Gefahr laufen, durch unterschiedliche Erziehungskonzepte und Wertorientierungen in der Schule und der Familie in Schwierigkeiten und Konflikte zu geraten. Die daraus möglicherweise entstehende Problematik wirkt sich auf den Unterricht, auf die Leistungen, auf das Sozialverhalten und auf das Arbeitsverhalten der Schülerinnen und Schüler aus.

In den meisten pädagogischen Einrichtungen beschränkt sich die Elternarbeit auf die Anwesenheit von ausländischen Eltern in den Gremien. Dies hat nach Einschätzung von Günther/Heitmeyer, die zu dieser Frage eine Untersuchung durchgeführt haben, eine Alibifunktion (Günther/Heitmeyer: Elternarbeit und Schule, 1981). Die Relevanz der EA für die pädagogische Arbeit mit Kindern und Jugendlichen nichtdeutscher Herkunftssprache wird oft nicht gesehen.

Warum findet eine sinnvolle Zusammenarbeit zwischen der Schule und dem ausländischen Elternhaus nicht statt? Welche Gründe erschweren oder verhindern eine pädagogische Zusammenarbeit zwischen beiden Erziehungsinstitutionen? Diese Frage betrifft sowohl die Schule als auch die Familie gleichermaßen. Deshalb möchte ich die Frage unter zwei Aspekten betrachten: zum einen aus der Sicht der Migrantenfamilien, zum anderen aus der Sicht der deutschen Schule bzw. der deutschen Lehrerinnen und Lehrer. Als Beispiel der Migrantenfamilien betrachte ich die Familien aus der Türkei, die vom islamischen Kulturkreis geprägt sind. Abschließend möchte ich einige Grundsätze und Zielperspektiven der Elternarbeit mit Migrantenfamilien thesenartig formulieren und begründen.

Meinen Ausführungen habe ich die einschlägige Literatur im Ausländerbereich, die Erfahrungen von Lehrerinnen und Lehrern aus der Praxis sowie meine eigenen Erfahrungen, die ich in 25 Jahren Tätigkeit in Berliner Schulen gewonnen habe, zugrunde gelegt.
 

Elternarbeit aus der Sicht von Migrantenfamilien (Gründe, Hindernisse und Schwierigkeiten)

Es gibt kennzeichnenderweise wenig Literatur zu diesem Thema. Die wenigen vorhandenen Veröffentlichungen spiegeln überwiegend Momentaufnahmen wider, die nur die Sichtweise von Lehrerinnen und Lehrern vermitteln. Als Beispiel ist die repräsentative Stichprobe von Huppertz anzugeben. Er hat in seiner Untersuchung die Hinderungsgründe für eine erfolgreiche Zusammenarbeit mit Eltern aus der Sicht der Lehrer aufgezeigt (1979a, S. 85). Allen Untersuchungen zum Thema Elternarbeit ist gemeinsam, dass sie die Zielgruppe ausländischer Eltern gar nicht oder nur am Rande berücksichtigen. Die Untersuchungen von Neumann und Boss-Nünning, die sich auf die Gruppe ausländischer Arbeiter und ihrer Familien beziehen, thematisieren nur Teilaspekte von Elternarbeit hinsichtlich ausländischer Eltern (Neumann, U.: 1981, S. 234; Boss-Nünning, 1976, S. 89). Erst Özkara & Grube haben im Jahr 1984 eine qualitative Untersuchung zur Elternarbeit mit türkischen Eltern durchgeführt. In meinen Ausführungen werde ich teilweise die Ergebnisse dieser Untersuchung berücksichtigen.

Die Hindernisse und Schwierigkeiten seitens der Eltern können in den Personen, der Institution, den gesellschaftlichen Bedingungen oder in der Konstellation der jeweiligen Situation begründet liegen. Speziell bei Eltern aus dem islamischen Kulturkreis gibt es eine Reihe von Hinderungsgründen, die eine erfolgreiche EA, zumindest eine Teilhabe am schulischen Geschehen, erschweren oder verhindern. Nun gehe ich auf diese Hintergründe bzw. Schwierigkeiten ein.

Sprach- und Verständigungsschwierigkeiten, fehlende Kommunikation zwischen dem Elternhaus und der Schule

Viele ausländische Eltern der 1. Generation und Teile der 2. Generation sprechen immer noch entweder gar kein oder unzureichend Deutsch. Deshalb haben die Eltern die Schwierigkeit, ihre Gedanken, Vorstellungen, Probleme oder Probleme ihrer Kinder zum Ausdruck zu bringen. Von Briefen, schriftlichen Informationen, Einladungen oder Protokollen schulischer Gremien verstehen sie kaum etwas. Mündliche und telefonische Gespräche haben ebenfalls keine effektiven Folgen. Die Dolmetschereinschaltung bleibt ein Einzelfall. Deshalb bleibt die Kommunikation zwischen den Eltern und der Schule über pädagogische Angelegenheiten meist erfolglos. Als Folge der Sprach- und Verständigungsschwierigkeiten gelingt es den Eltern nicht, ihre Beteiligungsrechte an schulischer Erziehung wahrnehmen zu können. Deshalb ist das Interesse der Eltern, in schulrechtlichen Gremien zu arbeiten, sehr gering. In einem Interview brachte ein Vater Folgendes zum Ausdruck:

"Wenn ich allein dahin gehe, verstehe ich gar nichts. Deutsch zu verstehen ist für mich zu schwer. Es ist langweilig, stundenlang dort zu sitzen und nicht zu verstehen. In Elternversammlungen sitzen die türkischen Eltern in einer Ecke, die deutschen Eltern in einer anderen Ecke. Deutsche reden und reden. Wir sitzen still. Es hat keinen Zweck, da hinzugehen" (Grube/Özkara, S. 10).

In seiner Befragung von Lehrerinnen und Lehrern resümiert Hermann Müller Folgendes: "Vollends hat es sich als unerträglich und unverantwortlich erwiesen, die ausländischen Eltern draußen vor der Tür der Schule zu halten mit der Absicht einer assimilierenden Integration ihrer Kinder (Müller, H., 1980, Lehrer und Eltern in: Forum E., H. 2, S. 38).

In der Praxis sind Fälle bekannt geworden, wo die Eltern seitens der Schule Dolmetscher verlangten, aber die Schulleitung mit der Argumentation abgelehnt hat "hier ist eine deutsche Schule, hier wird deutsch gesprochen". Unzureichende Deutschkenntnisse legen die EA lahm (N. Gehlen, 1980, S. 87).

Informationsdefizite seitens der Eltern über das deutsche Bildungswesen

Viele ausländische Eltern kennen die deutsche Schule nicht oder sie haben darüber unzureichende Kenntnisse. Das deutsche Schulsystem ist für sie meist unüberschaubar. Die Eltern beurteilen den schulischen Alltag ihrer Kinder in Deutschland mit ihren Erfahrungen (Normen, Werten und Maßstäben) aus ihrem Herkunftsland, die sich von Deutschen in vieler Hinsicht unterscheiden. Sie kennen ihre Rechte und Pflichten, die sich aus schul- und schulverfassungsrechtlichen Vorschriften ergeben, nicht oder sie sind darüber nicht ausreichend informiert. Folge davon ist, dass sich die Eltern Illusionen über die Zukunft ihrer Kinder machen, die auch enttäuscht werden können.

Dies wurde in vielen Untersuchungen belegt. Die Eltern wurden nach dem Ausbildungswunsch ihrer Kinder befragt. In der Mitte der 70er Jahre (1974) wollten 60 % der Eltern eine akademische Ausbildung für ihre Kinder haben. In den folgenden Jahren ging dieser Wunsch der Eltern auf eine Hochschulausbildung ihrer Kinder zurück. Es ist beispielsweise von 1975 mit 51 % auf 16 % im Jahre 1980 gesunken. Es ist hier zu vermuten, dass die Erwartungen vieler Eltern enttäuscht wurden, d. h. die Eltern sind realistischer geworden, aber von Enttäuschungen begleitet (Özkara, S.: Iscilerimiz Cocuklarin Egitimi icin ne düsünüyor. In: Bilim ve Sanat H. 3/1985).

Geringer Bildungsstand

Ein gewisser Teil der Arbeitsmigranten sind Analphabeten oder sie können zwar schreiben und lesen, jedoch vorgegebene Texte inhaltlich nicht verstehen. Daher gelingt es ihnen nicht, auch in der Muttersprache verfasste schriftliche Informationen über die Schule, Erziehung oder die Zusammenarbeit mit der Schule zu verstehen.

Religion, Zugehörigkeit zu fundamentalistisch-islamisch orientierten Kreisen und Organisationen

Die Religion als Hindernis für eine Zusammenarbeit zwischen der Schule und dem Elternhaus macht sich bemerkbar insbesondere bei Familien, die vom islamischen Fundamentalismus geprägt sind. Einige fundamentalistisch orientierte Familien berufen sich auf die Theorie des Ägypters Sayid Outb, der als geistiger Vater des islamischen Fundamentalismus im 20. Jahrhundert gilt. Nach seiner Theorie ist der Islam mit dem Christentum unvereinbar. Einen Dialog zwischen den beiden Religionen lehnt er ab. Er fordert eine Unterordnung der christlichen Welt unter eine islamische Vorherrschaft. Diese religiös-fundamentalistisch orientierten Eltern sind nicht bereit, an einer Zusammenarbeit mit der "christlichen deutschen Schule" teilzunehmen.

Im Extremfall – wie in West-Berlin bekannt geworden – wird in fanatisch religiösen Kreisen – insbesondere in Koranschulen – das Schüler-Lehrer-Verhältnis in den deutschen Schulen mit "billigen Sexfilmen" verglichen. Die Deutschen würden die Prostitution ihrer Töchter hinnehmen und Straßenmädchen produzieren. Die Türken werden vor engerem Kontakt mit Deutschen gewarnt, da ein enger Kontakt "eure Frauen und Töchter zur Prostitution . . . animiert" (Ucar, Laizismus, Religionsunterricht und Rolle der Koranschulen. In: Kalb, P. E.: Wir sind alle Ausländer, Weinheim 1983).

Vorurteile, christlicher Tendenzbetrieb, Diskriminierungserfahrungen, Diskriminierungsgefühle und Konkurrenz um Arbeitsplätze

Eine sinnvolle pädagogische Zusammenarbeit zwischen der Schule und dem ausländischen Elternhaus wird in vielen Fällen durch die negativen Vorurteile gegen die Deutschen oder gegen die deutschen Behörden erschwert.

Diskriminierungserfahrungen, die die ausländischen Eltern am Arbeitsplatz, im Wohnbereich oder im Alltag mit den Deutschen machen, werden durch die negativen Vorurteile bestärkt und pauschalisiert und verallgemeinert. Als Folge wird eine oppositionelle Haltung gegenüber der deutschen Schule gebildet. Ausländer zu sein bzw. als Ausländer behandelt zu werden ist nach den Gefühlen vieler Eltern schon ein Diskriminierung. Viele Eltern sagen: "Ja, mein Kind wird diskriminiert behandelt, weil es Ausländer ist."

Das Kultusministerium in NRW schreibt in seinem Bericht: "Die derzeitige Arbeitsplatzsituation der Eltern und die durch Lehrstellenknappheit reduzierten Berufseinstiegschancen tragen wenig zu einer Kooperation und Zusammenarbeit bei." (Kultusminister v. NRW, 1983, S. 10).

Berufstätigkeit beider Eltern, weiter Weg zur Schule und zeitliche Belastung

Meistens sind beide Elternteile von Kindern nichtdeutscher Herkunftssprache berufstätig. Viele Eltern leisten häufig Schicht- und Akkordarbeit und sogar Überstunden. Eltern, die unter solchen Bedingungen arbeiten und leben, zur Mitarbeit zu bewegen, ist kaum möglich. Hinzu kommt ein weiter Weg zur Schule. Das kommt bei Eltern vor, deren Kinder aus organisatorischen Gründen in anderen Bezirken eingeschult werden. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es Eltern gab, die nicht wussten, welche Schule ihre Kinder in welchem Bezirk  besuchten.

Ausländische Familien sind meist kinderreiche Familien. Wenn von einer Familie einige Kinder unterschiedliche Schulen besuchen, gelingt es den Eltern nicht, mit allen Lehrern Kontakt aufzunehmen und zusammen zu arbeiten. Vor allem wenn die Familien sehr kleine Kinder haben – was ja oft vorkommt – können die Eltern nur selten an Elternaktivitäten teilnehmen.

Perspektivlosigkeit, häufiger Perspektivwechsel und Desinteresse der Eltern

Der überwiegende Teil der Eltern der 1. Generation wie auch Teile der 2. Generation sind noch unentschlossen, ob sie dauerhaft in der BRD bleiben oder in die Heimat zurückkehren. Sie wechseln ihre Perspektiven häufig. Perspektivlose Eltern zu einer Zusammenarbeit mit der Schule zu bewegen ist sehr schwierig (2 von 3 Familien wollen demnächst in die Türkei fahren, sagen Grube und Özkara in ihrer Untersuchung : Grube/Özkara, S. 100). Die Eltern, die an einem kurzen Aufenthalt oder an raschem Geldverdienen interessiert sind, haben auch kein Interesse an einer Zusammenarbeit mit der Schule.

Erfahrungen und Erwartungen ausländischer Eltern an und mit der Schule

Erfahrungen mit Schulen haben die Eltern zunächst aus dem eigenen Schulbesuch, der meist jedoch schon 20 bis 30 Jahre zurück liegt. Eine Elternarbeit im Sinne des deutschen Schulsystems haben die Eltern in ihrem Heimatland nicht erlebt. Deshalb stellen sich viele Eltern unter einer Zusammenarbeit mit der Schule etwas ganz anderes vor. Ein Vater sagt: "Eine Zusammenarbeit mit der Schule bedeutet für mich, dass mein Kind in der Schule gut lernt oder ob es Dummheiten macht, dann kriegt es von mir Prügel. Ich verstärke meine Kontrolle." Viele Eltern haben an die Schule eine Erwartungshaltung als autoritäre Institution, die alle entstehenden Konflikte selbst intern regelt, u. U. auch mit gewaltsamen Mitteln. Vor allem aber soll dabei die Unterordnung der Kinder unter eine Autorität – die der Schule und der des Elternhauses – geübt und gewahrt bleiben.

Rechtliche Hindernisse, Ausländerfeindlichkeit, Behörden- und Institutionenangst und mangelndes Vertrauen

Arbeitsmigranten haben in der BRD rechtlich gesehen zwei Existenzgrundlagen: Aufenthaltserlaubnis und Arbeitserlaubnis. Ohne diese Genehmigungen sich hier aufzuhalten oder eine Tätigkeit aufzunehmen, ist nicht möglich. Die Aufenthaltserlaubnis wird von der Ausländerbehörde erteilt. Sie kann befristet sein und jederzeit versagt oder zurückgenommen werden. Ein Verstoß gegen das AuLG kann eine Ausweisung verursachen. Nach § i 76 des neuen AusIG heißt es: "Öffentliche Stellen haben auf Ersuchen (§ 75 Abs. 1) den mit der Ausführung dieses Gesetzes betrauten Behörden ihnen bekannt gewordene Umstände mitzuteilen" oder in Abs.2 "Öffentliche Stellen haben unverzüglich die zuständige Ausländerbehörde zu unterrichten, wenn sie Kenntnis erlangen 1) von dem Aufenthaltsrecht eines Ausländers, der weder eine erforderliche Aufenthaltsgenehmigung noch eine Duldung besitzt 2) von dem Verstoß gegen eine räumliche Beschränkung oder 3) von einem sonstigen Ausweisungsgrund."

Die Anwendung des § 76 AusIG auf die Schule bedeutet theoretisch, dass das Schulpersonal (Schulleiter, Lehrer, Erzieher, Beratungslehrer, Schulpsychologe, Sozialarbeiter, Sozialpädagoge, Schulsekretärin, Hausmeister, Schulrat, Förderausschuss und andere Schulgremien usw.) die Überwachung und Kontrolle der Kinder nichtdeutscher Herkunftssprache und deren Eltern übernehmen. Deshalb haben viele ausländische Eltern Angst vor Behörden. Aufgrund dieser Behördenangst wollen die Eltern nicht gerne mit dem Lehrer oder der Lehrerin der Schule zusammenarbeiten. Aufgrund des §76 des AusIG sind die Grundlagen einer vertrauensvollen Zusammenarbeit zwischen der Migrantenfamilie und der Schule nicht vorhanden.

An dieser Stelle möchte ich einen Auszug aus einem Rundschreiben der Schulverwaltung und die darauf erfolgte Reaktion der Lehrerinnen und Lehrer im Hinblick auf diese Anweisung als Beispiel darstellen.

"Betr.: Sozialpädagogische Schülerhilfe für ausländische Kinder. In letzter Zeit kam es wiederholt zu Problemen bei der Bewilligung der Anträge durch die Kostenstelle, weil die Hilfe erst dann gewährt werden kann, wenn der Aufenthaltsstatus belegt ist. Daher ist von den Eltern ausländischer Schüler ab sofort nicht nur der Elternantrag auszufüllen, sondern es müssen auch Kopien von den Seiten der Pässe der Eltern eingereicht werden, mit denen die Familienverhältnisse sowie der Aufenthaltsstatus belegt sind. Anträge ohne diese Nachweise können nicht bearbeitet werden."

Reaktion einer Lehrerin auf dieses Rundschreiben: "Mit etwas Unverständnis habe ich das Rundschreiben gelesen, wonach Sie anordnen, dass ab sofort den Anträgen auf Schülerhilfe Kopien der Pässe der ausländischen Eltern beigefügt werden sollen. Ohne diese Nachweise könne ein Antrag nicht bearbeitet werden. Mir ist völlig unklar, warum diese Regelung nötig ist, zumal doch bei der Aufnahme eines Kindes an unserer Schule bereits ein Ausweis vorgelegt wird. Weitere Kontrollen erübrigen sich m. E. und sind, da sie sich nur auf ausländische Familien beziehen sollen, diskriminierend. Als schulpsychologische Mitarbeiterin halte ich mich auch nicht für befugt, die Pässe der Eltern bzw. deren Kopien zu verlangen."

 

Literatur

Apeltauer, Ernst, 1981: Arbeit mit ausländischen Eltern. In: Deutsch lernen, H. 4, S. 22-40.

Bär, Monika u. a., 1983: Zusammenarbeit mit ausländischen Eltern in den Vorlaufgruppen der Stadt Hanau. In: VIA, Materialien zum Projektbereich „Ausländische Arbeiter", Nr. 38, S. 51-66.

Dauber, Heinrich, 1978: Zur pädagogischen Theorie. In: Eltern, Lehrer, Schüler – Zusammenarbeit in Theorie und Praxis (Arbeitsbericht I des 2. Innovativen Modells im WKM), Vlotho, S. 2-6.

Dickopp, Karl-H., 1982: Erziehung ausländischer Kinder als pädagogische Herausforderung: Das Krefelder Modell, Düsseldorf (insb. S. 130?132).

Gehlen, Norbert, 1980: Elternarbeit mit ausländischen Eltern. In: Ausländerkinder?Forum für Schule und Sozialpädagogik, H. 4, S. 71-88.

Gehlen u. a., 1983: Zusammenarbeit mit ausländischen Eltern, Deutsches Institut für Fernstudien (DIFF), Tübingen (Projekt Ausländerkinder in der Schule).

Günther, Maren u. a.: Eltern und Schule – Einstellungen und Voraussetzungen zur Mitwirkung. In: Schulmitwirkung und Schulalltag – ein Beitrag zur politischen Bildungsarbeit mit Eltern (Teil 2: Grundlagenmaterialien) Band 177 der Schriftreihe der Bundeszentrale.

Huppertz, Norbert, 1979 a: Die Kooperation zwischen pädagogischen Institutionen, Forschungsbericht unter Mitwirkung von J. Rumpf, Freiburg, unveröffentlicht.

Huppertz, Norbert, 1979 b: Wie Lehrer und Eltern zusammenarbeiten, Freiburg.

KMK (Kultusminister-Konferenz) 1976: Empfehlungen zum Unterricht für Kinder ausländischer Arbeitnehmer. Nachgedruckt in: Forschungsstelle ALFA, Berichte und Materialien 6, Neuss, o. J. (vergriffen).

Kultusminister des Landes Nordrhein?Westfalen, 1983: Erfahrungsbericht zum Schulmitwirkungsgesetz, Düsseldorf (Drs. des Landtages 9/1392).

Kultusministerium Nordrhein?Westfalen 1983: Handbuch zur Schulmitwirkung, 6. Auflage.

Militzer u. a., 1983: Anregungen zur Ausländerpädagogik. In: Welt des Kindes, Jan./Feb., 61. Jg, S.59?64.

Müller, Hermann, 1980: Lehrer- und Elternbeziehungen im Abseits? In: Forum E.H. 2, S. 37?40.

Neumann, Ursula, 1981: Erziehung ausländischer Kinder, Düsseldorf, 2. Auflage (1. Auflage 1980; Neuauflage, München 1982).

Neumann, Ursula, 1982: Beratungsbroschüre – Elternbriefe. In: Landesinstitut/Regionale Arbeitsstelle für ausländische Kinder und Jugendliche, Info 3, Ausländer in Schule und Weiterbildung, S. 43?44.

Sandfuchs, Uwe, 1981: Kooperation mit ausländischen Eltern – Ein Beitrag zu Integration und Schulerfolg der Kinder. In: Ausländerkinder – Forum für Schule und Sozialpädagogik, H. 14, S. 107?114.

Schmitt, Guido, 1983: Probleme und Methoden der Elternarbeit mit ausländischen (und deutschen) Eltern. Vortrag am 7. Mai 1983, Pädagogische Hochschule Freiburg, abgedruckt als Protokoll. In: Ausländerkinder – Forum für Schule und Sozialpädagogik, H. 14, S. 107?114.

Ucar, Ali, 1983: Pädagogische Arbeit mit ausländischen Eltern. In: VIA ? Materialien zum Projektbereich ausländische Arbeiter, 38, S. 73?90 und Infoblatt der Schulpsychologischen Beratungsstelle Kreuzberg/Berlin, Nr. 7 vom 15.06.1981.

Ucar, Ali, 2005: Kulturdolmetscher. In: Info Nr. 56 des Schulpsychologischen Beratungszentrums Friedrichshain-Kreuzberg Berlin, März 2005.



Sprungmarken

Projektpartner


URL dieser Seite: http://www.lehrer-info.net/kompetenz-portal.php/aid/42/cat/15