14. Dezember 2018

Elternarbeit aus der Sicht von deutschen Lehrerinnen und Lehrern

Gründe bei Lehrerinnen und Lehrern, die eine erfolgreiche Zusammenarbeit mit ausländischen Eltern erschweren.

Prof. Dr. Ali Ucar

Informationsdefizite seitens der Lehrerinnen und Lehrer über ökonomische, soziale und kulturelle Hintergründe der Migrantenfamilien und strukturelle Barrieren

Die Mehrheit der deutschen Lehrerinnen und Lehrer in den Schulen hat wenig Wissen über die sozialen, politischen, kulturellen und ökonomischen Hintergründe von Migrantenfamilien. Ihre Lebens- und Arbeitsbedingungen in der Bundesrepublik, Familienstrukturen, Erziehungs- und Bildungsvorstellungen, kulturell geprägte Verhaltensweisen und Erziehungspraktiken der Migrantenfamilien sind vielen Lehrkräften nicht ausreichend bekannt. Dazu möchte ich hier ein Beispiel geben.

Eine 16jährige Schülerin einer Oberschule hatte einen deutschen Freund. Die Eltern des türkischen Mädchens wussten nicht davon. Sie wurde schwanger und hat später eine Abtreibung vorgenommen. Die Eltern wussten auch davon nichts. Sie war einige Tage zu Hause und wurde in der Schule krankgemeldet. Die Klassenlehrerin war unterrichtet. Nach ein paar Tagen rief die Lehrerin zu Haus an und sie sprach mit dem Vater in der Absicht, dass der Vater die Situation akzeptieren sollte. Das Ergebnis waren Schläge vom Vater, von zu Hause weglaufen, Suche durch die Polizei, Landung beim Jugendnotdienst, von dort Entführung durch die Eltern, erneute Einschaltung der Polizei usw. In einem Gespräch mit der Lehrerin sagte diese zu mir: "Ja, ich wusste nicht dass die Eltern darauf so heftig reagieren würden. Die Eltern haben dies mit ihrer Ehre begründet. Ich habe überhaupt nichts verstanden."

Hintergrundwissen ist deshalb nötig, um die soziale, politische, kulturelle Lage der Kinder nichtdeutscher Herkunftssprache nachzuvollziehen und deren Familien in der BRD zu verstehen und ihre Probleme interpretieren zu können. Es ist auch unumgänglich, sich nicht nur mit der Kultur von ausländischen Familien auseinander zu setzen, sondern auch mit der eigenen Kultur. Elternarbeit erfordert, sich mit den Vorstellungen und kulturellen Werten von ausländischen Familien vertraut zu machen. Militzer und Merker fassen zusammen " ... das eigene Weltbild zu erweitern, sich die Vorstellung von Erziehung überhaupt bewusst zu machen und nicht unreflektiert an pädagogische Zielsetzungen festzuhalten" (1983, S. 64). Dies schließt ein: Offenheit, Toleranz, Sensibilität, Akzeptanz, Verständnis für die andere Kultur und spezifische Lebenssituation der Migrantenfamilien in der BRD. Dies erfordert ein partnerschaftliches Gesprächs- und Arbeitsverhalten.

Sprach- und Verständigungsschwierigkeiten

Eine erfolgreiche Elternarbeit hängt u. a. davon ab, ob die Eltern und die Schule einander verstehen können. Da die Lehrerinnen und Lehrer aus sprachlichen Gründen nicht kommunizieren können, können sie auch nur sehr eingeschränkt Elternarbeit leisten. Dadurch entstehen viele Missverständnisse und Unklarheiten zwischen Lehrerinnen und Lehrern und Eltern.

Eine Lehrerin berichtet: "Ich weiß nicht, ob die Eltern mich verstanden haben, sie reden viel, aber ich verstehe sie kaum. Wenn ich wiederholt frage, ob sie mich verstanden haben, sagen viele 'ja, ja', nachher merke ich dann, dass sie mich doch nicht verstanden haben. Es gibt auch Eltern, die mich nicht verstehen wollen."

Tatsächlich haben viele Lehrer nach meiner Erfahrung häufig den Eindruck, dass ausländische Eltern sie auch bisweilen nicht verstehen wollen (siehe dazu Ucar, A.: Kulturdolmetscher. In: Mitteilung Nr. 56 des schulpsychologischen Beratungszentrums Friedrichshain-Kreuzberg von Berlin, März 2005).

Überbetonung kultureller Unterschiede – Immer als Defizit zu sehen, nicht als Bereicherung

Es gibt viele Lehrkräfte, die die Anwesenheit von Migrationskindern bzw. dessen kulturelle Vielfalt in der deutschen Schule als Mangelware und als Defizit sehen. Folglich müssen "die Ausländer" Deutsch lernen und sich an die "Leitkultur" anpassen. Dieser Assimilationsdruck hindert eine sinnvolle Elternarbeit.

Vorurteile und Ängste von Lehrerinnen und Lehrern

Negative Vorurteile über Ausländer gelten ebenfalls als Hindernis für eine Zusammenarbeit.

Erfahrungen aus der Praxis zeigen, dass viele deutsche Lehrerinnen und Lehrer Angst haben, mit AusländerInnen in Berührung zu kommen. Im Rahmen eines Modellversuches wurden die Ängste von Lehrerinnen und Lehrern auf folgende Faktoren zurückgeführt (Garbe/Kruse/Schultz: Zusammenarbeit von Schule und Elternhaus, Teil I, 1982, S. 1-27):

"Angst vor Autoritätsverlust"

"Angst vor Autorität"

"Angst vor der Veränderung der eigenen Rolle und den möglichen Konsequenzen"

"Unfähigkeit, sich eine veränderte Lehrer/Eltern-Beziehung vorzustellen".

Eine Lehrerin ist der irrtümlichen Meinung: "Hausbesuche finde ich nicht gut. Ein Hausbesuch bedeutet eine Belastung für die Familie und wird als Schnüffelei angesehen".

Eine Rektorin sagte: "Ich habe alle ausländischen Eltern zu einer Versammlung in die Aula eingeladen. Sie haben angefangen, von ihren Problemen und Diskriminierungen zu reden, so dass ich Angst bekam und dachte: 'Jetzt machen sie in der Schule einen Aufstand', seitdem mache ich keine Veranstaltungen mehr in dieser Form".

Verunsicherung und Irritation durch Fremdwahrnehmung

Es gibt Lehrkräfte, die bei der Arbeit mit "Ausländern" Befürchtungen haben, von Migranteneltern mit Nazis in einen Topf geworfen zu werden oder als Nazi beschimpft zu werden.

Desinteresse, Autoritätsverlust, berufliche Kompetenz, Zeitfaktor (zusätzliche Belastung) und Angst vor Kompetenzverlust

Es gibt Lehrerinnen und Lehrer, die aus unterschiedlichen Gründen kein Interesse oder keine Bereitschaft haben, sich mit den Problemen von Kindern und Eltern auseinander zu setzen. Ruppertz begründet dies in seiner Untersuchung vor allem mit Autoritätsverlust gegenüber Eltern, mangelnder beruflicher Kompetenz und Zeitmangel bei Lehrerinnen und Lehrern (Ruppertz, 1979, S. 63 ff). Hinzu kommt, dass manche Lehrerinnen und Lehrer sich sogar missachtet oder unqualifiziert fühlen, wenn sie ausländische Kinder unterrichten. Erfahrungen an einigen Schulen lassen dies nicht unberechtigt erscheinen. Einige Aussagen von Lehrerinnen und Lehrern: (Gehlen, Neumann, Sandfuchs, Steffen 1983, S. 11 ff):

"Elternarbeit ist überflüssig, gerade ausländische Eltern gehen ja doch in absehbarer Zeit in ihre Heimat."

"Als die Familie A. zu mir kam, interessierte sie nicht so, was in der Schule läuft und wie Ali in der Schule zurecht kommt, vielmehr wollten sie von mir Hilfe beim Ausfüllen von Formularen haben. Dafür bin ich nicht da. Ich bin kein Formularausfüller."

"Ich habe in meiner Klasse 32 Schüler. Ich habe genug zu tun. Soll ich mich auch noch um Elternarbeit kümmern? Ich schaffe das nicht und kann es auch nicht".

"Lehrerinnen / Lehrer kommen erst auf die Idee, mit den Eltern zusammen zu arbeiten, wenn es Probleme gibt."

Wenn Dauber schreibt, "dass die Eltern, Lehrer und Schüler gleichermaßen unter der Schule leiden, hat er m. E. recht. Deshalb kann eine sinnvolle Zusammenarbeit nicht zustandekommen (Dauber, H.: Zur pädagogischen Theorie der Kooperation, 1978, S.2). Die Lehrerinnen und Lehrer sind durch Unterrichtsarbeit genug belastet. Eine sinnvolle Elternarbeit bedeutet für sie eine zusätzliche Belastung. Elternarbeit beansprucht viel Zeit und viel Kraft. Wenn die Lehrkräfte von der Schulverwaltung keine Unterstützung haben, wie etwa Ermäßigungsstunden, bleibt die Elternarbeit auf die Ebene der zufälligen Möglichkeiten der einzelnen Lehrkraft beschränkt.

Mangelnde Kooperation zwischen deutschen und ausländischen Lehrkräften

Untersuchungen (H. Müller, 1980 S. 37) und Erfahrungen vieler Lehrerinnen und Lehrer belegen, dass eine Zusammenarbeit zwischen deutschen und ausländischen Lehrkräften in den Schulen mangelhaft läuft: Obwohl den ausländischen Lehrkräften in der Elternarbeit mit Migrantenfamilien eine erhebliche Rolle beigemessen wird, scheitert eine sinnvolle Elternarbeit an mangelnder Zusammenarbeit. Die Gründe sind vielfältig: Sprachschwierigkeiten, Diskriminierung, Minderwertigkeitsgefühle, unterschiedliche methodisch-didaktische Ausbildung, Vorurteile, Berührungsängste, Skepsis, Konkurrenzempfindungen, Argwohn, fehlende Informationen über das Schulsystem.

Kollektive Schulgefühle – Wenn ein Ausländer Rassismus vorwirft

Manche Lehrerinnen und Lehrer trauen sich nicht, eine pädagogische Zusammenarbeit mit "Ausländern" zu gestalten, weil sie befürchten, dass ihnen – ausgehend von der Geschichte Deutschlands – Rassismus vorgeworfen wird. Sie vermeiden lieber mit "Ausländern" zu arbeiten.

Mangelnde interkulturelle Kompetenz (fachlich, methodisch, personell)

Die Lehrkräfte besitzen im Allgemeinen keine interkulturelle Kompetenz. Fachlich, didaktisch und methodisch für den Unterricht mit Kindern mit Migrationshintergrund ausgebildete Lehrkräfte sind selten. Das ist ein großes Defizit der Lehreraus- und Fortbildung.

Mangelnde Bereitschaft zu Veränderungen

Eine pädagogisch interkulturell angesetzte Elternarbeit setzt voraus, dass sowohl konzeptionelle als auch viele strukturelle Veränderungen stattfinden. Die veränderte Lehrerrolle gehört dazu. Aus unterschiedlichen Gründen sind viele Lehrer nicht bereit, sich zu ändern.

Verdrängung der Probleme: "Alle werden gleich behandelt." - "Ich mache diese Arbeit seit 20 Jahren"

Es gibt Lehrkräfte, die die Probleme, statt sie zu nennen, verdrängen, vertuschen oder leugnen. Sie glauben, dass alle Kinder in der Schule gleich behandelt werden sollten und dass Migrationskinder, die die Leistungen nicht erbringen, selber Schuld sind.

Konzeptionslosigkeit von Elternarbeit

Eine allgemeine und verbindliche Gesamtkonzeption zur Elternarbeit mit Migrantenfamilien gibt es nicht. Man geht davon aus, dass sich die Bildungsprobleme von ausländischen Kindern von alleine lösen werden.

 

Literatur 

Apeltauer, Ernst, 1981: Arbeit mit ausländischen Eltern. In: Deutsch lernen, H. 4, S. 22-40.

Bär, Monika u. a., 1983: Zusammenarbeit mit ausländischen Eltern in den Vorlaufgruppen der Stadt Hanau. In: VIA, Materialien zum Projektbereich „Ausländische Arbeiter“, Nr. 38, S. 51-66.

Dauber, Heinrich, 1978: Zur pädagogischen Theorie. In: Eltern, Lehrer, Schüler – Zusammenarbeit in Theorie und Praxis (Arbeitsbericht I des 2. Innovativen Modells im WKM), Vlotho, S. 2-6.

Dickopp, Karl-H., 1982: Erziehung ausländischer Kinder als pädagogische Herausforderung: Das Krefelder Modell, Düsseldorf (insb. S. 130?132).

Gehlen, Norbert, 1980: Elternarbeit mit ausländischen Eltern. In: Ausländerkinder?Forum für Schule und Sozialpädagogik, H. 4, S. 71-88.

Gehlen u. a., 1983: Zusammenarbeit mit ausländischen Eltern, Deutsches Institut für Fernstudien (DIFF), Tübingen (Projekt Ausländerkinder in der Schule).

Günther, Maren u. a.: Eltern und Schule – Einstellungen und Voraussetzungen zur Mitwirkung. In: Schulmitwirkung und Schulalltag – ein Beitrag zur politischen Bildungsarbeit mit Eltern (Teil 2: Grundlagenmaterialien) Band 177 der Schriftreihe der Bundeszentrale.

Huppertz, Norbert, 1979 a: Die Kooperation zwischen pädagogischen Institutionen, Forschungsbericht unter Mitwirkung von J. Rumpf, Freiburg, unveröffentlicht.

Huppertz, Norbert, 1979 b: Wie Lehrer und Eltern zusammenarbeiten, Freiburg.

KMK (Kultusminister-Konferenz) 1976: Empfehlungen zum Unterricht für Kinder ausländischer Arbeitnehmer. Nachgedruckt in: Forschungsstelle ALFA, Berichte und Materialien 6, Neuss, o. J. (vergriffen).

Kultusminister des Landes Nordrhein?Westfalen, 1983: Erfahrungsbericht zum Schulmitwirkungsgesetz, Düsseldorf (Drs. des Landtages 9/1392).

Kultusministerium Nordrhein?Westfalen 1983: Handbuch zur Schulmitwirkung, 6. Auflage.

Militzer u. a., 1983: Anregungen zur Ausländerpädagogik. In: Welt des Kindes, Jan./Feb., 61. Jg, S.59?64.

Müller, Hermann, 1980: Lehrer- und Elternbeziehungen im Abseits? In: Forum E.H. 2, S. 37?40.

Neumann, Ursula, 1981: Erziehung ausländischer Kinder, Düsseldorf, 2. Auflage (1. Auflage 1980; Neuauflage, München 1982).

Neumann, Ursula, 1982: Beratungsbroschüre – Elternbriefe. In: Landesinstitut/Regionale Arbeitsstelle für ausländische Kinder und Jugendliche, Info 3, Ausländer in Schule und Weiterbildung, S. 43?44.

Sandfuchs, Uwe, 1981: Kooperation mit ausländischen Eltern – Ein Beitrag zu Integration und Schulerfolg der Kinder. In: Ausländerkinder – Forum für Schule und Sozialpädagogik, H. 14, S. 107?114.

Schmitt, Guido, 1983: Probleme und Methoden der Elternarbeit mit ausländischen (und deutschen) Eltern. Vortrag am 7. Mai 1983, Pädagogische Hochschule Freiburg, abgedruckt als Protokoll. In: Ausländerkinder – Forum für Schule und Sozialpädagogik, H. 14, S. 107?114.

Ucar, Ali, 1983: Pädagogische Arbeit mit ausländischen Eltern. In: VIA ? Materialien zum Projektbereich ausländische Arbeiter, 38, S. 73?90 und Infoblatt der Schulpsychologischen Beratungsstelle Kreuzberg/Berlin, Nr. 7 vom 15.06.1981.

Ucar, Ali, 2005: Kulturdolmetscher. In: Info Nr. 56 des Schulpsychologischen Beratungszentrums Friedrichshain-Kreuzberg Berlin, März 2005.



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