14. Dezember 2018

Wohnbedingungen

Wohnbedingungen von deutschen und nichtdeutschen Schulanfängern im Stadtteil Kreuzberg.

Prof. Dr. Ali Uçar

Im Folgenden werden die Wohnbedingungen, bzw. die Wohnsituation der deutschen und nichtdeutschen Schulanfänger im Stadtteil Kreuzberg/Berlin dargestellt. Die präsentierten Fakten und Zahlen zu Wohnbedingungen der Kinder sind von einer empirischen Untersuchung entnommen, die ich im Schuljahr 1996/97 in einer Kreuzberger Grundschule durchgeführt habe. Der Anteil der ausländischen Schüler (nur nach Staatsangehörigkeit) in dieser Grundschule beträgt mehr als 70 %. Hier wurden alle Eltern (55 Mütter, 7 Väter), deutsche als auch nichtdeutsche, von 4 Vorschulklassen, also insgesamt 62 Familien, über ihre Wohnbedingungen im Bezirk befragt.
Da ich zwei Jahre lang als Lehrer und Schulpsychologe in diesen Vorklassen tätig war, gelang es mir über die Wohnbedingungen von Schülern selbst viele Erfahrungen zu sammeln.

Die Wohnbedingungen von Schülern wurden unter folgenden Fragestellungen untersucht: Größe der Wohnungen, Anzahl der Zimmer, monatliche Miete, Wohnausstattung, Kinderzimmer, kindergerechte Ausstattung, Waschmöglichkeiten, Hygiene etc.

Die schlechten Wohnbedingungen vor allem nicht kindergerechte Ausstattung der Wohnungen haben einen direkten Einfluss auf die Entwicklung der Kinder und auf ihre Schulleistungen. Daher ist es für Lehrkräfte von großer Bedeutung zu wissen, unter welchen Wohnbedingungen ihre Schüler leben. Die ermittelten Daten sind nicht repräsentativ, aber die zeigen viele Tendenzen.

  1. Wohnungsgröße – Anzahl der Zimmer

    Bei Wohnungsgrösse geht es nicht um die Grösse von m2 , sondern, wie viele Zimmer bzw. Räume die Wohnung hat.

    Nach Tabelle 1 haben über die Hälfte der Kinder (54,8 %) 3 – 4 Zimmer in ihrer Wohnung, während die Zahl der Kinder mit mehr als 4 Räumlichkeiten nur 14,5 % beträgt.

    Tab. 1
    Zimmerzahl der Wohnung (%)

    1 Zimmer

    9,7

    2 Zimmer

    33,9

    3 Zimmer

    41,9

    4 Zimmer

    12,9

    5 und mehr Zimmer

    1,6


    Wenn wir die Zimmerzahl nach Nationalitäten differenziert betrachten zeigt Tab. 2 folgendes Bild.

    Tab. 2
    Zimmeranzahl der Wohnung verglichen mit Nationalität (%)

     

    1 Zimmer

    2 Zimmer

    3 Zimmer

    4 Zimmer

    5 und mehr Zimmer

    n

    Türkisch

    14,7

    32,4

    35,3

    14,7

    2,9

    34

    Deutsch

    6,7

    20,0

    60,0

    13,3

    -

    15

    Andere

    -

    53,8

    38,5

    7,7

    -

    13


    Während 73,9 % der deutschen Familien in Wohnungen mit 3 oder mehr Zimmern leben, sind es nur 50,0 % der türkischen und 46,3 % der anderen Familien. Dabei sollte jedoch nicht unberücksichtigt bleiben, dass es sich zumal bei den türkischen sowie bei vielen Familien anderer Nationen bekanntlich um größere Familien handelt, während deutsche Familien meist nicht mehr als 2 – 3 Kinder, häufig sogar nur 1 Kind haben. Es ist also zweckmäßig, einmal einen Blick auf die Belegung dieser Wohnungen zu werfen. So mag es zuerst einmal erscheinen, dass die Wohnraumfläche pro Kopf bei türkischen sowie bei Familien anderer Nationen deutlich geringer ist als die der deutschen Familien.

    Wenn man die Kinderzahl der Familien in Erwägung zieht, zeigt Tab. 3 ein differenziertes Bild.

    Tab. 3
    Zimmeranzahl der Wohnung verglichen mit Kinderzahl (%)

     

    1 Zimmer

    2 Zimmer

    3 Zimmer

    4 Zimmer

    5 und mehr Zimmer

    1 Kind

    16,7

    33,3

    33,3

    16,7

    -

    2 Kinder

    28,6

    14,3

    28,6

    28,6

    -

    3 Kinder

    8,3

    25,0

    54,2

    12,5

    -

    4 Kinder

    -

    50,0

    40,0

    10,0

    -

    5 Kinder

    16,7

    50,0

    33,3

    -

    -

    6 und mehr Kinder

    -

    44,4

    33,3

    11,1

    11,1


    50 % der Familien mit 4 sowie 50 % der Familien mit 5 Kindern wohnen in 2 Zimmerwohnungen. Wenn man bedenkt, dass zu diesen 4 – 5 Kindern noch in der Regel 2 Eltern dazu gehören, teilen sich hier 6 – 7 Menschen 2 Räume.
    Auffällig ist des Weiteren, dass bei Familien mit 2 Kindern noch 57,2 % in 3   4 Zimmerwohnungen leben, während es bei den Familien mit 5 Kindern nur noch 33,3 % sind, obwohl es sich hier ja sowieso um größere Familien handelt.
    Bei Familien mit Einzelkindern sind es hingegen 50 %, die in 3 – 4 Zimmerwohnungen leben. Dieses zeigt deutlich, dass mit dem Anstieg der Kinderzahl eine starke Verringerung des Wohnraumes verbunden ist.
    Nach den Einschulungsuntersuchungen im Bezirk Kreuzberg im Jahr 1986:
    Deutsche Familien bewohnten im Durchschnitt 3,2 Zimmer und hatten 3,7 Personen. Ausländische Familien bewohnten im Durchschnitt 2,9 Zimmer und hatten 5 Personen (Einschulungsuntersuchung in Berlin Kreuzberg im Jahre 1986, Bezirksamt Kreuzberg von Berlin, Abt. Gesundheitswesen, S. 19)


  2. Miete

    Tab. 4 zeigt die monatliche Miete, differenziert nach Nationalitäten

    Tab. 4
    Höhe der monatlichen Miete verglichen mit Nationalität (%)

     

    150 – 250 €

    300 – 400 €

    450 – 500 €

     550 – 700 €

    Türkisch

    29,4

    35,3

    17,6

    17,6

    Deutsch

    6,7

    66,7

    -

    26,7

    Andere

    7,7

    30,8

    23,1

    38,5

    gesamt

    19,4

    41,9

    14,5

    24,2


  3. Kinderzimmer, kindergerechte Ausstattung u. Waschmöglichkeiten

    Nach der Befragung haben beinahe die Hälfte der Schüler/innen (45,2 %) kein eigenes Zimmer. Getrennt nach Nationalitäten zeigt die Tab. 5 folgende Feststellungen.

    Tab. 5
    Eigenes Kinderzimmer verglichen mit Nationalität (%)

     

    Kein eigenes Kinderzimmer

    Kinderzimmer allein

    Kinderzimmer mit Geschwistern

    Türkisch

    55,9

    8,8

    35,3

    Deutsch

    20,0

    13,3

    66,7

    Andere

    46,2

    7,7

    46,2

    Insgesamt

    45,2

    9.7

    45,2


    Nur in 8,8 % der türkischen Familien haben die Vorschulkinder ein eigenes Kinderzimmer, über die Hälfte der Kinder haben gar kein Kinderzimmer. Bei den Kindern anderer Nationalitäten fällt das Ergebnis ganz ähnlich aus. 13,3 % der befragten deutschen Eltern der Vorschulkinder gaben an, ein eigenes Kinderzimmer zu besitzen, was kaum einen Unterschied zu den ausländischen Kindern darstellt. Während jedoch bei den türkischen Familien die Mehrheit der Kinder gar kein Kinderzimmer hat und sich 35,3 % ein Zimmer mit Geschwistern teilen, haben nur 20 % der befragten deutschen Vorschulkinder kein Kinderzimmer, während sich die Mehrheit ein Zimmer mit Geschwistern teilt. Die Tatsache, dass es viele Kinder gibt, die sich im Vorschulalter ein Zimmer mit Geschwistern teilen, halte ich für nicht besonders bedenklich, dass jedoch 55,9 % der türkischen und 46,2 % der anderen Vorschulkinder gar kein Kinderzimmer haben, schätze ich wesentlich schwerwiegender ein. Eine vernünftige Entwicklung des Kindes, für die genug Ruhe und Schlaf und Spielen sehr wichtig ist, kann wohl kaum gewährleistet sein, wenn die Kinder keinen Raum für sich selbst haben.
    Wenn wir diese Ergebnisse mit der Kinderzahl der Familien vergleichen, zeigt Tab. 6 folgendes.

    Tab. 6
    Eigenes Kinderzimmer verglichen mit Kinderanzahl der Familie (%)

     

    Kein eigenes Kinderzimmer

    Kinderzimmer allein

    Kinderzahl mit Geschwistern

    1 Kind

    33,3

    66,7

    -

    2 Kinder

    42,9

    -

    57,1

    3 Kinder

    50,0

    8,3

    41,7

    4 Kinder

    30,0

    -

    70,0

    5 Kinder

    33,3

    -

    66,7

    6 und mehr Kinder

    66,7

    -

    33,3


    Die Mehrheit der Kinder teilt sich ein Zimmer mit anderen Geschwistern. Bei 6 und mehr Kindern haben jedoch 66,7 % gar kein Kinderzimmer und nur 33,3 % teilen sich ein Kinderzimmer mit Geschwistern.
    Ein eigenes Zimmer haben nur Kinder ohne Geschwister (66,7 % der Einzelkinder) und Familien mit 3 Kindern (8,3 %)

    Dass Kinder aus Familien mit 2 Kindern keine eigenen Zimmer haben, Kinder aus Familien mit 3 Kindern aber manchmal schon, ist entweder durch die geringe An­zahl an Befragten zu erklären oder aber durch die Tatsache, dass 3 Kinder sich schwieriger ein Zimmer teilen können als 2 Kinder und so das 3. Kind evtl. ein ei­genes Zimmer bekommt oder aber gar keins hat.

    Nach Angaben der Eltern sind die Wohnungen mit 71 % nicht kindergerecht aus­gestattet. Dies wurde mit Fragen anhand von kindergerechten Tischen und Stühlen etc. gefragt.

    Tab. 7

    Kindergerechte Stühle, Tische etc. verglichen mit Nationalität (%)

     

    Nicht kindergerecht

    Kindergerecht

    keine Angaben

    Türkisch

    82,4

    17,6

    -

    Deutsch

    35,7

    64,3

    -

    Andere

    91,7

    8,3

    -

    Insgesamt

    71,0

    25,8

    3,2


    Dieses wird starke negative Auswirkungen auf die körperliche Entwicklung bzw. Gesundheit als auch auf die geistige Entwicklung der Kinder haben, die so wahrscheinlich auf dem Fußboden arbeiten und spielen, was sich auf Dauer z. B. negativ auf deren Rücken auswirken wird. Schlecht sitzen behindert außerdem die Konzentrationsfähigkeit.
    In den türkischen Familien haben 82,4 %, in den anderen Familien sogar 91,7 % der Kinder keine kindergerechten Tische und Stühle, in den deutschen Familien sind es hingegen nur 35,7 %.
    Lehrer beschweren sich darüber, dass viele Kinder nach Muffigkeit riechen und sich nicht sauber halten, nicht waschen usw. Dies hängt davon ab, ob die Familien Möglichkeiten haben, sich zu waschen. Also es Dusch- und Bademöglichkeiten in der Wohnung gibt.

    Nach Tab. 8 geben die Eltern folgende Angaben. Bei 80,6 % der Kinder gibt es zu Hause Dusch- bzw. Bademöglichkeit (unabhängig von Nationalität)

    Tab. 8
    Bad/Dusche etc. in der Wohnung verglichen mit Nationalität (%)

     

    Kein Bad / Dusche

    Bad / Dusche vorh.

    Türkisch

    32,4

    67,6

    Deutsch

    -

    100,0

    Andere

    7,7

    92,3

    Insgesamt

    19,4

    80,6


    Jede der befragten deutschen Familien hat eine Dusche bzw. ein Bad in der Wohnung. Bei den türkischen Familien fehlen bei 32,7 % eine Dusche bzw. ein Bad, bei den anderen Nationalitäten sind es 7,7 %, denen eine Dusche / ein Bad fehlen. Diese mangelnde Hygiene kann verstärkt zu Krankheiten führen.




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