14. Dezember 2018

Veränderte Rahmenbedingungen - Veränderte Migrantenfamilien

"Wir riefen Arbeitskräfte und es kamen Menschen." Max Frisch

Prof. Dr. Ali Ucar

Nach 40-jähriger Migrantengeschichte werden „die ausländischen Arbeiter" immer noch unter dem Aspekt der Arbeitskraft betrachtet. Deshalb sind sie dem Bundesministerium für Arbeit angegliedert. Die ausländischen Arbeiter sind aber nicht nur Arbeitskräfte, sie sind auch Familien.

Mit 30 bis 40 jährigem Arbeiten und Leben in der Migration haben sich in Migrantenfamilien viele Veränderungen vollzogen.
Die veränderte Situation der Migrantenfamilie ist weder von der Familienpolitik wahrgenommen noch von der Wissenschaft untersucht worden.
In meinem Beitrag möchte ich auf die veränderte Situation der Migrantenfamilie in der Bundesrepublik Deutschland eingehen. Im Mittelpunkt stehen die Familien der Arbeitsmigranten. Die Familien von Asylbewerbern, Asylberechtigten, Flüchtlingen, Aussiedlern etc. bleiben außerhalb meiner Betrachtung.
Bei meinen Ausführungen möchte ich zuerst einige allgemeine Aspekte der Migrantenfamilie schildern und danach werden Ergebnisse einer Untersuchung dargestellt.


I.
RAHMENBEDINGUNGEN  UND CHARAKTERISTISCHE MERKMALE DER MIGRANTENFAMILIEN

  • Migrantenfamilien (MF) haben unterschiedliche Migrationserfahrungen, Sozialisationsbedingungen und unterschiedliche Familienkonstellationen

    Die erste Generation kam in den 60er Jahren in die Bundesrepublik. Zuerst kamen die Männer, später folgten die Frauen und die Kinder. Kinder waren entweder als Kleinkind oder als Schulkind gekommen; die man heute als zweite Generation bezeichnet. Heute besucht die dritte Generation die Schule. Die Kinder der dritten Generation sind Kinder, die in Deutschland geboren und aufgewachsen sind. Diese Kinder haben mit dem Heimatland ihrer Eltern wenig Verbindungen.
    Diese 3 Generationen von Migranten haben unterschiedliche Migrationserfahrungen, unterschiedliche Sozialisationsbedingungen und unterschiedliche Familienkonstellationen.

  • Die Migrantenfamilien sind keine repräsentative Kategorie der Herkunftsgesellschaft

    In der Öffentlichkeit werden die Migrantenfamilien fälschlicherweise mit den Familien im Herkunftsland verglichen.
    Die Migrantenfamilien repräsentieren die Familie der Herkunftsgesellschaft nicht. Sie sind eine nach einer Vielzahl von sozialen Merkmalen selektierte Bevölkerungskategorie.
    Soziale Merkmale: Alter, Geschlecht, Gesundheit, Qualifikation, Bildung, Motivation, materielle Ziele, soziale Bindungen etc.

  • Die Migrantenfamilien weisen eine große Heterogenität bzw. eine große kulturelle Vielfalt auf

    Diese kulturelle Vielfalt ergibt sich aus der Verschiedenartigkeit ihrer nationalen, ethnischen, sprachlichen, religiösen und kulturellen Herkunft.
    Diese kulturelle Vielfalt bezieht sich insbesondere auf die Leitbilder, an denen sich Migrantenfamilien verschiedener sozialer und kultureller Herkunft orientieren und nach denen in ihren Familien gelebt wird. Für ein differenzierteres Verständnis der kulturellen Unterschiede im Familienleben ist zu berücksichtigen:
    • Die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung
    • die Beziehung zwischen Vater, Mutter, Tochter und Sohn
    • die Arbeitsteilung zwischen Familie, Gesellschaft und Staat
    • die Beachtung der Individualität in der Erziehung etc.

  • Die Migrantenfamilien haben eine sonderrechtliche bzw. ausländerrechtliche Stellung

    Die Familien halten sich mit einer Aufenthaltsgenehmigung in der Bundesrepublik Deutschland auf. Das Ausländergesetz sieht 5 unterschiedliche Arten von der Aufenthaltsgenehmigung vor: Aufenthaltsbewilligung, Aufenthaltsbefugnis, Aufenthaltserlaubnis, Aufenthaltsberechtigung, Aufenthaltsgestattung. Hinter jeder Art der Aufenthaltsgenehmigung steckt ein anderes Menschenbild. Das Ausländergesetz gibt den Migrantenfamilien keine rechtliche Sicherheit und zielt im Prinzip mehr auf eine Assimilation als auf eine Integration ab.

  • Nach dem Kriterium ihrer sozialen Integration in der Mehrheitsgesellschaft sind 3 Gruppen der Migrantenfamilien voneinander zu unterscheiden

    Es gibt eine Gruppe der Migrantenfamilien, die sich zurückziehen, sich abkapseln und sich unangepasst fühlen. Es gibt eine andere Gruppe von Familien, die sich überangepasst fühlen und sich nach außen auch so verhalten. Zwischen diesen beiden Gruppen gibt es eine dritte Gruppe, die zwischen der Mehrheitsgesellschaft und der Familie eine Balance herzustellen versuchen. Das ist die größte Gruppe.

  • Die Migrantenfamilien gehören nach ihrer Platzierung in der Aufnahmegesellschaft zur sozialen Unterschicht

    Die Migranten sind nach ihrer Qualifikation überwiegend Hilfsarbeiter. Bei den Wirtschaftskrisen und konjunkturellen Schwankungen des Arbeitsmarktes sind es die Migranten, die als erstes ihren Arbeitsplatz verlieren. Somit sind sie von der Arbeitslosigkeit doppelt so sehr betroffen wie die Einheimischen.
    Aus ihrer gesellschaftlichen Stellung resultiert, dass sie neben einem doppelten Arbeitslosigkeitsrisiko auch ein doppelt so hohes Risiko tragen, unter die Armutsgrenze zu fallen, wodurch insbesondere die Lebenschancen und Entwicklungsmöglichkeiten der Kinder erheblich beeinträchtigt werden.

  • Die Migrantenfamilien erhalten ihre verwandtschaftlichen Beziehungen aufrecht und pflegen sie weiter

    Trotz der räumlichen Entfernung pflegen die Migrantenfamilien ihre verwandtschaftlichen Beziehungen. Hier spielen sowohl die verkehrstechnischen  als auch die kommunikationstechnischen Entwicklungen der letzten Zeit wie Internet, Fax, Telefon etc. eine erhebliche Rolle.
    Auch die Ehegattenauswahl aus dem Herkunftsland insbesondere in der Verwandtschaft, ist ein Zeichen dafür (s. Heiratsverhalten der 2. Generation).

  • Die ethnische und nationale Zusammensetzung der Ehegatten in den Migrantenfamilien steigt an (binationale Familien)

    Nach den offiziellen Statistiken aus dem Jahre 1996 ist jede 7. Ehe in der Bundesrepublik Deutschland binational – Tendenz steigend. Mehr als 15 % der in der BRD lebendgeborenen Kinder im Jahr 1996 stammen von binationalen Familien ab.
    Die Zusammensetzung der Ehegatten kann sowohl interethnischer als auch gleichethnischer Herkunft sein. Die binationale Familien leisten eine lebendige Integration.

  • Die Migrantenfamilie ist ein Ort, wo die interkulturellen Auseinandersetzungen intensiv stattfinden

    Da die Kinder der Migrantenfamilien Kindertagesstätten und Schulen besuchen, werden Werte und Normen der Mehrheitsgesellschaft insbesondere über die Kinder in die Familie hineingetragen. Dadurch entstehen viele Konflikte und Auseinandersetzungen innerhalb der Familie, die zu einer Veränderung der Familien führen können.

  • Die Veränderungsprozesse der Migrantenfamilien vollziehen sich auf mehreren Ebenen

    Der gesellschaftliche Wandel in der Herkunftsgesellschaft und in der Aufnahmegesellschaft ist eine Ebene. Der Wandel zwischen den ersten, zweiten und dritten Migrantengenerationen ist die andere Ebene. Der Wandel der innerfamiliären Verhältnisse und die damit verbundenen individuellen Veränderungen der einzelnen Familienmitglieder bilden eine weitere Ebene. Diese drei Ebenen stehen in einer Wechselbeziehung zueinander.

  • Die Migrantenfamilien sind nach ihrer Motivation und ihrem Humanvermögen anders als die einheimischen Familien

    Die Migrantenfamilien sind mehrheitlich aufstiegsorientiert. Sie wollen den gesellschaftlichen Aufstieg über die Bildung ihrer Kinder erreichen. Deshalb sind sie stark bildungsmotiviert. Mehrheitlich sind sie an einer materialistisch ausgerichteten Lebensführung orientiert.
    Die Arbeitsmigranten der ersten Generation stellen zumindest nach ihrem Alter, Gesundheit, Bildung, Qualifikation etc, d. h. nach ihrem Humanvermögen eine positiv selektierte Population dar.

  • Der Umgang der Mehrheitsgesellschaft mit der Migrantenfamilie ist von Vorsicht, Angst, Misstrauen, Vorurteilen, Klischees und von einer defensiven Haltung geprägt

    „Ausländer machen Probleme“, „Ausländer sind defizierter“. Somit werden sie oft in eine Opferrolle gedrängt. Migranten werden als Hilfsbedürftige und als Wohlfahrtsempfänger angesehen.
    Dass die Migrantenfamilien einerseits kulturelle Werte und andererseits Fähigkeiten, Kompetenzen und Potentiale haben, von denen man vieles lernen kann und dass die Migrantenfamilien einen erheblichen Beitrag zum Aufbau und zur Pflege von Humanvermögen leisten und damit eine Zukunftsinvestition dieser Gesellschaft sind, wird ignoriert.


II.
DIE FAMILIEN DER DRITTEN MIGRANTENGENERATION

Zu der 3. Migrantengeneration gehören die Kinder, die im allgemeinen in der Bundesrepublik Deutschland geboren und aufgewachsen sind. Ihre Eltern sind entweder als Kleinkind oder als Schulkind im Rahmen der Familienzusammenführung nach Deutschland gekommen.
Die dritte Migrantengeneration besucht heute die Schule. Ihre Schuleingangsbedingungen und die Schulsituation sind andere als die Schulbedingungen ihrer Eltern.
Im folgenden Kapitel möchte ich einige Ergebnisse einer Befragung über Schuleingangsbedingungen bzw. über die Familie der dritten Migrantengeneration zur Diskussion stellen. (In der Untersuchung wurden die Mütter von 4 Vorklassen einer Grundschule im Bezirk Kreuzberg/Berlin im Schuljahr 1996/97 befragt. Insgesamt waren 62 Kinder bzw. 62 Familien: 34 türkische, 15 deutsche und 13 andere Nationalitäten.) Es ist keine repräsentative Untersuchung, aber es gibt uns viele Hinweise und zeigt viele Tendenzen.

 

  1. Die Familien werden kleiner und die Kinderzahl nimmt ab. Die Bedeutung der Eltern Kind Beziehung verändert sich

    Tab. 1
    Kinderzahl der Familien verglichen mit Nationalität (%)

     

    Kinderzahl

    Nationalität

    1

    2

    3

    4

    5 und mehr

    Türkisch

    11,8 (3 %)

    11,8

    44,1

    11,8

    20,5 (45 %)

    Deutsch

    6,7

    20,0

    46,7

    20,0

    6,7

    Andere

    7,7

    -

    15,4

    23,1

    53,9

    Insgesamt

    9,7

    11,3

    38,7

    16,1

    12,1

    (Die Zahlen in Klammern sind die Zahlen, die aus einer Untersuchung, die Mitte 80er Jahre bei türkischen Familien durchgeführt wurde. Siehe dazu: Ucar, A.: Benachteiligt: Ausländische Schüler in der deutschen Sonderschule, Schneider Verlag, Hohengehren 1996, S. 207)

    Im Vergleich zur ersten Generation hat die zweite Generation weniger Kinder. Der überwiegende Teil der Eltern hat 2 – 3 Kinder. Der Anteil der Ein Kind Familie bei türkischen Migranten der zweiten Generation hat sich im Vergleich zur ersten Generation vervierfacht. 5 und mehr Kinder haben nur 20,5 % der befragten türkischen Eltern (bei 1. Generation war 45 %). In 10 Jahren (1975 – 1985) sind Geburten bei allen Migranten um 1/3 –50 % zurückgegangen. Seit 1990 ist der Geburtenrückgang bei Familien mit ausländischer Herkunft ist deutlicher.
    Dementsprechend hat sich die Bedeutung der Eltern Kind Beziehung verändert. Die Werte verlagern sich und die Kinder erlangen eine mehr sozial emotionale Bedeutung für die Eltern.

  2. Ein erheblicher Teil der zweiten Generation wählt seine Ehegattin im Herkunftsland und zwar unter den Verwandten

    In der Befragung konnten folgende Tatsachen festgestellt werden (Tab. 2)

    Tab. 2
    Eheschließungen unter Verwandten (%)

    Nationalität

    Eheschließungen unter Verwandten

     

    keine

    unter Verwandten

    Sonstige

    Türkisch

    58,8

    41,2

    -

    Deutsch

    93,3

    -

    6,7

    andere Nationalitäten

    84,6

    15,4

    -

    Gesamt

    72,6

    25,8

    1,6

    41 % der Türkischen, 15 % der anderen Nationalitäten haben ihre Ehen unter den Verwandten geschlossen (Endogomie).

     
    Nach Erkenntnissen einiger empirschen Untersuchungen in der Türkei beträgt der Anteil der Eheschließungen unter Verwandten 35,7 %, während in einigen anderen Ländern wie z. B. Brasilien 19,5 %, in Spanien 5 %, in England 6 von 1000 Ehen. (Balaban, A.R.: Evlilik Akrabalik Türleri, izmir 1982, S. 52 ff.)
    Unter der 2. türkischen Migrantengeneration gibt es keine Eheschließungen mit religiöser Trauung, weil mit religiöser Trauung geschlossene Ehen nach dem türkischen Familienrecht unwirksam sind.
    Die Ursachen der Eheschließungen unter den Verwandten sind unterschiedlich. Primär hat dieses Heiratsverhalten mit dem verwandtschaftlichen System zu tun.

  3. Trennungen und Scheidungen in den Familien der 2. Migrantengeneration steigen an

    Bei den befragten Eltern konnte festgestellt werden, dass die Trennungs  und Scheidungsquote insgesamt 14,5 % beträgt, während es in diesem Bereich getrennt nach Nationalitäten keine großen Unterschiede gibt.
    Wie die folgende Tabelle zeigt. (Tab. 3)

    Tab. 3
    Trennung der Eltern verglichen mit Nationalität (%)

    Nationalität

    Eltern leben

     

    gemeinsam

    getrennt

    Türkisch

    85,3

    14,7

    Deutsch

    86,7

    13,3

    Andere

    84,6

    15,4

    Insgesamt

    85,5

    14,5

    Sorgerecht haben in der Regel die Mütter, während bei türkischen Familien 2,9 % der Väter das Recht erhalten.

     

  4. Unter der zweiten Migrantengeneration gibt es keine Analphabeten im engeren Sinne. Alle können Schreiben und Lesen. Bei der ersten türkischen Migrantengeneration war der Bildungsstand sehr niedrig:

    30 % waren Analphabeten und weitere 29 % konnten zwar Schreiben und Lesen, aber sie hatten keinen schulischen Abschluss (s. dazu Ucar, A.: Benachteiligt: Ausländische Kinder in deutschen Sonderschulen a. a O. S.199)

  5. Die Berufstätigkeit der Mütter und der Väter ist unterschiedlich, wobei die Berufstätigkeit der Frauen durchschnittlich bei 14,5 % und bei Männern 58 % beträgt

    Wenn man die Berufstätigkeit nach Nationalitäten differenziert betrachtet, gibt es unter den Frauen keine erheblichen Unterschiede, während türkische Männer mit 70 %, deutsche Männer mit 60 % und Männer aus anderen Nationalitäten mit 31 % Berufstätigkeit erscheinen. (s. Tabelle 4 und 5). Die niedrigen Quoten der Männer anderer Nationalitäten könnten daran liegen, dass viele von ihnen keine Arbeitserlaubnis sondern evtl. nur eine Duldung haben.

    Tab. 4
    Berufstätigkeit der Mütter verglichen mit Nationalität (%)

    Nationalität

    Berufstätigkeit

     

    arbeitslos/Hausfrau usw.

    berufstätig

    Sonstige

    Türkisch

    84,8

    15,2

    -

    Deutsch

    86,7

    13,3

    -

    Andere

    84,6

    15,4

    -

    Insgesamt

    83,9

    14,5

    1,6


    Tab. 5
    Berufstätigkeit der Väter verglichen mit Nationalität (%)

    Nationalität

    Berufstätigkeit

     

    arbeitslos/nicht berufstätig

    berufstätig

    Türkisch

    30,3

    69,7

    Deutsch

    40,0

    60,0

    Andere

    69,2

    30,8

    Insgesamt

    40,3

    58,1



  6. Aufgrund ihrer Einstellung zum gesellschaftlichen Integrationsprozess in Deutschland versucht die Mehrheit der untersuchten Population zwischen ihrer Herkunftskultur und der deutschen Kultur eine Balance herzustellen (50 %)

    Wie aus der folgenden Tabelle ersichtlich ist, meinen 4,8 %, dass sie angepasst sind und 27,4 %, dass sie unangepasst sind, während die Hälfte der Befragten zwischen beiden Kulturen eine Balance herzustellen versucht.

    Tab. 6

     

    %

    Ich gebe mir Mühe. Ich bin angepasst.

    4,8

    Ich gebe mir wenig Mühe (unangepasst).

    27,4

    Ich versuche eine Balance zwischen mir und den Deutschen herzustellen (Mittelung).

    50,0

    Deutsche Eltern

    14,5

    Keine Angaben

    3,2



  7. In den Erziehungswerten und Erziehungsnormen sind Veränderungen zu beobachten

    Als Beispiel der Haltung der Eltern zur Prügelstrafe als Erziehungsmittel machten die Eltern folgende Angaben (Tab. 7).

    Tab. 7
    Haltung der Eltern zur Prügelstrafe verglichen mit Nationalität (%)

    Nationalität

    Haltung zur Prügelstrafe

     

    absolut gut

    ab und zu gut

    schlecht

    Türkisch

    9,4 (48 %)

    65,6 (43 %)

    25,0 (9 %)

    Deutsch

    -

    14,3

    85,7

    Andere

    16,7

    66,7

    16,7

    Insgesamt

    8,9

    53,4

    37,9

    Die in Klammern angegebenen Zahlen sind aus einer Untersuchung bei türkischen Eltern aus der 1. Generation (s. dazu Ucar, A.: Benachteiligt: Die ausländischen Kinder in der deutschen Sonderschule, a. a. O. S. 229 ff.)

    Mehr als die Hälfte der befragten Eltern finden die Prügelstrafe als Erziehungsmittel absolut oder ab und zu mal gut.
    Verglichen mit der Nationalität finden 25 % der türkischen und 16,7 % der Eltern von anderen Nationalitäten die Prügelstrafe als Erziehungsmittel schlecht, während der Anteil der deutschen Eltern bei dieser Aussage 85,7 % beträgt.
    Ein gewisse Veränderung in der Haltung zur Prügelstrafe bei türkischen Eltern ist zu beobachten: Bei der 1. Generation fanden 91 % die Prügelstrafe entweder absolut gut oder ab und zu gut und nur 9 % fand sie schlecht. Die Häufigkeit bei der 2. Generation betragen 76 % von 25 %

  8. Die Deutschkenntnisse der Mütter sind sehr gering
    Ebenfalls sind die Deutschkenntnisse der dritten Migrantengeneration so gering, dass sie den Unterricht in der Schule nicht folgen können, obwohl diese Kinder in Deutschland geboren und aufgewachsen sind (Tab. 8, 9)


    Aus der Tabelle 8 geht hervor, dass mehr als 84 % der türkischen und 76 % der Mütter von anderen Nationalitäten gering bis sehr geringe Deutschkenntnisse haben.

    Deutschkenntnisse der Mütter nach Nationalität (%)

     

    gut bis ausreichend

    gering bis sehr gering

    Türkische Mütter

    15,1

    84,8

    Mütter anderer Nationalitäten

    22,1

    76,9


    Bei türkischen Kindern liegt der Anteil derer die geringe bzw. sehr geringe Deutschkenntnisse haben bei mehr als 70 %, bei Kindern von anderen Nationalitäten über 80 % (Tab. 9)

    Tab. 9
    Deutschkenntnisse der Kinder nach Nationalität (%)

    Nationalität

    gut

    ausreichend

    gering

    sehr gering

    Türkisch

    2,9

    23,5

    55,9

    17,6

    Deutsch

    73,3

    6,7

    20,0

    -

    Andere

    15,4

    -

    53,8

    30,8


    Die Ursachen der geringen Sprachkenntnisse bei Kindern der 3. Generation sind unterschiedlich: Gettoähnliche Strukturen, geringe Deutschkenntnisse der Mütter, kein Kitabesuch, Pendeln zwischen dem Heimatland und Deutschland, Einfluss der muttersprachlichen Medien etc

    Die Kommunikationssprache zwischen Kindern und Eltern ist überwiegend die Muttersprache.

    Aus der Tab. 10 ist zu entnehmen, dass bei türkischen Familien mit 90,6 %, bei Kindern aus dem ehemaligen Jugoslawien mit 100 % und bei anderen Nationalitäten mit 92 % die Muttersprache gesprochen wird.

    Tab. 10
    Muttersprache und zu Hause gesprochene Sprache (%)

    Muttersprache

    Zu Hause gesprochene Sprache

     

    nur Türkisch

    nur Deutsch

    nur Kurdisch

    Deutsch-Türkisch

    Andere

    Türkisch

    90,6

    -

    -

    9,4

    -

    Kurdisch

    -

    -

    66,7

    -

    33,3

    Deutsch

    -

    91,7

    -

    -

    8,3

    Serbo-Kroatisch

    -

    -

    -

    -

    100,0

    Andere

    -

    -

    -

    7,7

    92,3


    Dies sind die sprachlichen Schuleingangsbedingungen der 3. Migrantengeneration. Für die Schulen bedeutet dies, dass sie diese Bedingungen bei konzeptionellen Überlegungen berücksichtigen muss.


  9. Die Freizeitgestaltung der 3. Generation ist sehr eingeschränkt

    Nach Nationalitäten getrennt zeigt die Tabelle 11, dass die Freizeitaktivitäten überwiegend in der Wohnung stattfinden, wobei Malen, Spielen (mit Freunden oder Geschwistern, bzw. allein) in der Wohnung bei den Türken 35,3 %, bei Deutschen 40 % und bei anderen Nationalitäten 23 % beträgt.

    Tab 11
    Welche Aktivitäten würden Sie für Ihr Kind in der Freizeit bevorzugen?
    Getrennt nach Nationalität (%)

    Tätigkeiten/Aktivitäten

    Insgesamt

    Deutsche

    Türkische

    andere Nationalitäten

    Malen, Spielen mit oder ohne Freunden, Geschwistern in der Wohnung

    33,9

    40,0

    35,3

    23,1

    Fernsehen

    24,2

    4,9

    29,4

    38,5

    Spielen mit Freunden außerhalb der Wohnung

    16,1

    33,3

    8,8

    15,4

    Spielen mit Geschwistern außerhalb der Wohnung

    11,3

    13,3

    8,8

    15,4

    Computerspiele

    1,6

    -

    2,9

    -

    Anderes

    13,0

    13,3

    14,7

    7,7


    Fernsehkonsum ist nach wie vor bei Türken als auch bei anderen Nationalitäten in der Freizeit als sehr bevorzugt angegeben.
    Was das Spielen und andere Aktivitäten außerhalb der Wohnung betrifft, sind die Ergebnisse unterschiedlich. Bei Deutschen sind dies 13 %, bei Türken 8,8 %, bei anderen Nationalitäten 15,4 %. Hier ist auffällig, dass die deutschen Familien mehr die Aktivitäten außerhalb der Wohnung bevorzugen.


  10. Ein erheblicher Teil der Eltern der 3. Migrantengeneration hat sich noch nicht entschieden, ob sie in Deutschland bleiben oder zurückkehren wollen

    Aus der Tabelle 12 geht hervor, dass 85,3 % der türkischen Nationalität und 38,5 % der anderen Nationalitäten hinsichtlich einer Rückkehr ins Heimatland unentschlossen sind. Nur 14,7 % der Türken und 46 % der anderen Nationalitäten entschieden sich, für immer in Deutschland zu bleiben.

    Tab. 12
    Rückkehrabsichten der Eltern der 3. Migrantengeneration nach Nationalität (%)

    Nationalität

    unentschlossen

    nie zurück

    nach einigen Jahren

    Sonstiges

    Türkisch

    85,3

    14,7

    -

    -

    Andere Nationalitäten

    38,5

    46,2

    7,7

    7,7



  11. Zum Schluss möchte ich hier ein Problem nennen, dass weder in der Öffentlichkeit noch in der Familienpolitik berücksichtigt wird:
    Das Problem der unehelichen Kinder bei türkischen Migrantenfamilien

    • Die Zahl der unehelichen Kinder bei türkischen Migranten steigt an.
    • Nach dem türkischen Recht haben uneheliche Kinder eine stark benachteiligte Stellung.
    • Diese Kinder sind auch nach deutschem Recht keine deutschen Kinder.
    • In der Praxis läuft es so, dass der Vater eines solchen Kind mit einer Bescheinigung der deutschen Behörden zum türkischen Konsulat geht, um einen Ausweis ausstellen zu lassen. Die türkischen Behörden lehnen es ab, weil die Bescheinigungen der deutschen Behörden in dieser Angelegenheit nicht akzeptiert werden. Also kann die Mutter nur mit ihrem Namen den Ausweis beantragen. Dadurch entstehen viele Probleme für uneheliche Kinder und Eltern in der Migration.

 

Literatur

Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend:
Familien ausländischer Herkunft in Deutschland, Sechster Familienbericht, Berlin 2000

Balaban, A. R.: Evlilik Akrabalik Türleri, Izmir 1982

Ucar, A.:    Die soziale Lage der türkischen Migrantenfamilien Express Edition, Berlin 1982

Ucar, A.:    Benachteiligt: Ausländische Kinder in der deutschen Sonderschule, Schneider Verlag Hohengehren, 1996

Ucar, A.    Deutschkenntnisse der Schulanfänger nichtdeutscher Herkunftssprache in: Grundschule Konkret, Heft-Nr. 16/Feb. 2000, S. 2 ff, (Hrgb: Berliner Institut für Lehrerfort  und –weiterbildung und Schulentwicklung Berlin)
 



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