14. Dezember 2018

Sprachliche Entwicklung von deutschen und nichtdeutschen Schulanfängern

Es ist bekannt, dass vernachlässigte oder sozial benachteiligte Kinder eine stark verlangsamte Sprachentwicklung haben.

Prof. Dr. Ali Ucar 

Nach entsprechender Funktionsreifung des sprechmotorischen Apparates und des Zentralnervensystems macht das Kind schon bald nach der Geburt in Form der sogenannten Lallmonologie seine ersten und undifferenzierten sprachlichen Äußerungen. Die ersten lautlichen Äußerungen des Kindes können durch eine positive Haltung der Eltern oder Erwachsenen in der Familie gefördert bzw. gestärkt werden. Dies kann z. B. in Form von Zuwendung, Beachtung, Liebe, Ermunterung geschehen. Hier spielt die Mutter eine große Rolle als wichtigste Bezugsperson.
Soziale Interaktionen und aus dem praktischen Handeln erworbene Erfahrungen bestimmen den Fortschritt des Sprechens. So etwa mit einem Jahr spricht das Kind in Einwortsätzen. Im dritten Lebensjahr können Kinder bereits in Mehrwortsätzen sprechen.

Es ist bekannt, dass vernachlässigte Kinder, von menschlichen Beziehungen abgeschnittene Kinder oder sozial benachteiligte Kinder eine stark verlangsamte Sprachentwicklung haben.

Kinder von Migrantenfamilien wachsen in der Regel zweisprachig (mehrsprachig) auf. Hier ist die Frage , wie die Sprachentwicklung sowohl allgemein als auch in der deutschen Sprache und in der Muttersprache verläuft. Diese Frage wird unter dem Aspekt der Eltern erläutert und zwar auf der Ebene Entwicklung im allgemeinen, Entwicklung in der Muttersprache und Entwicklung in der deutschen Sprache. Zu diesen Bereichen wurden die Eltern befragt. Die Eltern sollten sich nur zum kommunikativen Bereich und zum Wortschatz äußern.
(Die Daten wurden einer Untersuchung entnommen, die ich im Schuljahr 1996/97 durchgeführt habe. Bei der Untersuchung wurden die Eltern von vier Vorklassen befragt. Diese vier Vorklassen hatten insgesamt 62 Schüler, darunter waren 15 % Deutsche und 85 % Kinder nichtdeutscher Herkunftssprache). Die Untersuchung ist nicht repräsentativ, aber sie gibt uns viele Hinweise.

  1. Allgemeine Sprachentwicklung
    Hier geht es darum, den zeitlichen Ablauf der Sprachentwicklung der Kinder anhand von einer konkreten Frage festzustellen.
    „Wann hat ihr Kind mit Sprechen begonnen?“ Wann hat ihr Kind Lallmonologe wie „Mama“, „Papa“,  „wawu“, „Balla“ oder andere ähnliche Einzelwörter zu äußern begonnen. In Tabelle 1 gibt es folgende Informationen.

    Tab. 1
    Sprechbeginn der Vorschulkinder (%)

    Alter

     

    vor 12 Monaten

    33,9

    12 – 18 Monate

    45,2

    18 – 24 Monate

    12,9

    Mehr als 24 Monate

    8,1


    Nach Tab. 1 hat insgesamt (deutsche und nichtdeutsche Kinder) der Sprachbeginn bei 33,9 % der Kinder vor 12 Monaten, bei 45,2 % zwischen dem 12. und 18. Monat stattgefunden, d. h. 80 % der Kinder haben bis zum 18. Monat mit dem Sprechen begonnen. Eine sprachliche Verzögerung war bei ca. 12,9 % (bis zu 2 Jahren) zu beobachten, während 8,1 % der Kinder noch länger als 2 Jahre brauchten um zu sprechen. In der Sprachforschung geht man in der Regel davon aus, dass sich die Sprache bei Kindern stufenweise entwickelt: Phase der echten Kindersprache (Echolalie) zwischen 9. – 12 Monat, 13. – 15. Monat Entstehung des Symbolbenennungssinns, 13. – 18 Monat Einwortsatz, 18. Monat bis 3. Jahr Mehrwortsätze, ab 4. Lebensjahr richtige Satzentwicklung.
    Der Wortschatz vergrößert sich in kurzer Zeit. Mit 1 ½ Jahren enthält er bereits 2000 Wörter. Die Entwicklung der Satzbildung in seiner grammatikalisch richtigen Form beginnt mit dem 4. Lebensjahr. Mit ca. 5 Jahren sollte diese Entwicklung weitgehend abgeschlossen sein.

    Wenn man die Sprachentwicklung nach Nationalitäten differenziert, zeigt Tab. 2 keine großen Auffälligkeiten.

    Tab. 2
    Sprachbeginn nach Nationalitäten (%)

    Alter

    Türkisch

    Deutsch

    Andere

    vor 12 Monate

    32,4

    40,0

    30,8

    12 – 18 Monate

    47,1

    26,7

    61,5

    18 – 24 Monate

    8,8

    26,7

    7,7

    mehr als 24 Monate

    11,8

    6,7

    0,0


    Wenn man die Sprachentwicklung nach Geschlechtern betrachtet, zeigt Tabelle 3, dass die Mädchen eher beginnen zu sprechen als die Jungen. Die Reife der Nervenbahnen geht bei Mädchen schneller voran als bei Jungen. Daraus erklärt sich die früher entstehende Sprachfertigkeit und -gewandtheit der Mädchen.

    Tab. 3
    Sprachbeginn nach Geschlecht (%)

    Alter

    männlich

    weiblich

    vor 12 Monate

    26,5

    42,9

    12 – 18 Monate

    55,9

    32,1

    18 – 24 Monate

    5,9

    21,4

    mehr als 24 Monate

    11,8

    3,6


    Nach Tab. 4 sind die Kinder, die früh zu sprechen begonnen haben, auch in ihrer muttersprachlichen Entwicklung gut.

    Tab. 4
    Sprachbeginn nach Kenntnissen in der Muttersprache (%)

    Alter

    gut

    ausreichend

    gering

    sehr gering

    vor 12 Monate

    42,9

    27,3

    27,3

    -

    12 – 18 Monate

    25,0

    63,6

    63,6

    -

    18 – 24 Monate

    21,4

    4,5

    -

    100,0

    mehr als 24 Monate

    10,7

    4,5

    9,1

    -



  2. Muttersprachliche Entwicklung

    Nach Tabelle 5 haben 51,6 % türkisch, 19,4 % deutsch, 4,8 % kurdisch, 3,2 % serbokroatisch und 21 % andere Sprachen, wie arabisch, polnisch, koreanisch als Muttersprache.

    Tab. 5
    Muttersprache der Vorschulkinder (%)

    Türkisch

    51,6

    Kurdisch

    4,8

    Deutsch

    19,4

    Serbokroatisch

    3,2

    andere

    21,0


    Nach Einschätzung der Eltern haben ca. 80 % der Kinder gute bis ausreichende Kenntnisse der Muttersprache (Tab. 6)

    Tab. 6
    Muttersprachkenntnisse der Vorschulkinder (%)

    gut

    45,2 %

    ausreichend

    35,5%

    gering

    17,7 %

    sehr gering

    1,6 %


    Da viele Kinder mehrsprachig sind, ist es eine interessante Frage, welche Sprache in der Familie als Kommunikationssprache gilt bzw. welche Sprache in der Familie gesprochen wird. Tab. 7 zeigt die Aussagen der Eltern.

    Tab. 7
    Muttersprache und zu Hause gesprochene Sprache (%)

     

    zu Hause gesprochene Sprache

     

    Muttersprache

    nur Türkisch

    nur Deutsch

    nur Kurdisch

    Deutsch – Türkisch

    andere

    Türkisch

    90,6

    -

    -

    9,4

    -

    Kurdisch

    -

    -

    66,7

    -

    33,3

    Deutsch

    -

    91,7

    -

    -

    8,3

    Serbokroatisch

    -

    -

    -

    -

    100,0

    andere

    -

    -

    -

    7,7

    92,3


    90,6 % der türkischen Kinder sprechen zu Hause ausschließlich Türkisch, 66,7 % der kurdischen Kinder sprechen zu Hause nur Kurdisch.


  3. Deutschsprachliche Entwicklung

    Nach Meinung der Eltern haben nur 37,1 % der Kinder gute bis ausreichende Deutschkenntnisse (Tab. 8), mehr als die Hälfte der Kinder hat entweder geringe oder sehr geringe Deutschkenntnisse.
     
    Tab. 8
    Deutschkenntnisse der Vorschulkinder (%)

    n

    gut

    22,6

    14

    ausreichend

    14,5

    9

    gering

    46,8

    29

    sehr gering

    16,1

    10


    Zu Kategorie „gut“ gehören vermutlich deutsche Kinder.

    Bei türkischen Kindern liegt der Anteil derer, die geringe bzw. sehr geringe Deutschkenntnisse haben, bei mehr als 70 %, bei Kindern anderer Nationalitäten bei über 80 % (Tab. 9)

    Tab. 9
    Deutschkenntnisse nach Nationalitäten (%)

    Nationalität

    gut

    ausreichend

    gering

    sehr gering

    Türkisch

    2,9

    23,5

    55,9

    17,6

    Deutsch

    73,3

    6,7

    20,0

    -

    andere

    15,4

    -

    53,8

    30,8


    Tab. 10
    Deutschkenntnisse verglichen mit Kindergartenbesuch (%)
      Kita-Besuch

    Deutschkenntnisse

    keinen

    < 3 Jahre

    > 3 Jahre

    gesamt

    gut

    35,7

    50,0

    14,3

    22,6

    ausreichend

    44,4

    55,6

    -

    14,5

    gering

    86,2

    10,3

    3,4

    46,8

    sehr gering

    100,0

    -

    -

    16,1


    86,2 % der Kinder mit geringen und 100 % der Kinder mit sehr geringen Deutschkenntnissen haben vorher keinen Kindergarten besucht. (Laut Angaben des Berliner Senats: Der Anteil von Kindern mit Eltern nichtdeutscher Herkunft betrug im Kita-Jahr 1998/99 21,6 % und 1999/2000 23,6 %. In den Einrichtungen der freien Jugendhilfe 1998/99, 14 %. Kleine Anfrage Nr.14/82, Landespressedienst 19/2000 27.01.2000)

    Tab. 11
    Deutschkenntnisse nach Berufstätigkeit der Mutter (%)

     

    Berufstätigkeit

    Deutschkenntnisse

    Hausfrau/arbeitet nicht

    arbeitet

    gut

    71,4

    28,6

    ausreichend

    88,9

    11,1

    gering

    92,9

    7,1

    sehr gering

    80,0

    20,0


    Die Deutschkenntnisse der Kinder mit berufstätigen Müttern sind besser als die der Kinder mit einer nichtberufstätigen Mutter.

    Tab. 12
    Deutschkenntnisse der Kinder verglichen mit Deutschkenntnissen der Mütter (%)

     

    Mutter

    Kind

    gut

    ausreichend

    gering

    sehr gering

    gut

    75,0

    16,7

    8,3

    -

    ausreichend

    22,2

    -

    55,6

    22,2

    gering

    7,1

    7,1

    25,0

    60,7

    sehr gering

    10,0

    -

    10,0

    80,0


    Je besser die Deutschkenntnisse der Mutter, desto besser auch die der Kinder.
    Hier muss darauf hingewiesen werden, dass in dieser Kalkulation die Zahl der deutschen Mütter enthalten ist.

    Über 90 % der Kinder sind in Deutschland geboren. Obwohl sie hier geboren sind, besitzen mehr als 60 % entweder geringe oder sehr geringe Deutschkenntnisse. (Tab. 13)

     

    Deutschkenntnisse

    Geburtsland/-ort

    gut

    ausreichend

    gering

    sehr gering

    Deutschland

    22,8

    15,8

    45,6

    15,8

    Türkei

    50,0

    -

    50,0

    -

    andere

    -

    -

    66,7

    33,3


    Zwischen Deutschkenntnissen und Zurückstellungen besteht anscheinend ein Zusammenhang. 60 % der zurückgestellten Kinder haben geringe oder sehr geringe Deutschkenntnisse. Bei Kindern mit guten oder ausreichenden Deutschkenntnissen dagegen beträgt die Zurückstellung 30 % (Tab. 14)

    Tab. 14
    Deutschkenntnisse verglichen mit Zurückstellung (%)

    Deutschkenntnisse

    Zurückstellung

     

    nein

    ja

    gut

    23,3

    21,1

    ausreichend

    16,3

    10,5

    gering

    41,9

    57,9

    sehr gering

    18,6

    10,5


    Von der untersuchten Kinderpopulation wurden insgesamt 30,6 % zurückgestellt.
     
    Tab. 16
    Zurückstellung verglichen mit Nationalität (%)

     

    nicht zurückgestellt

    zurückgestellt

    Türkisch

    67,6

    32,4

    Deutsch

    73,3

    26,7

    Andere

    69,2

    30,8

    Insgesamt

    69,4

    30,6


    • Bei Türken und anderen Ausländern ist der Anteil relativ hoch
    • Bei Deutschen im Bezirk Kreuzberg ist der Anteil höher als im Landesdurchschnitt

    Im Landesdurchschnitt liegt die Zurückstellungsquote deutscher Kinder bei 10 % und bei Kindern nichtdeutscher Herkunft bei 20 (Das Schuljahr 1999/2000 – Allgemeine Berliner Schulen, Statistik, S.40). D. h. auf Landesebene sind die Kinder von Migrantenfamilien von der Zurückstellung doppelt so oft betroffen wie deutsche Kinder, während in dieser Untersuchung im Bezirk Kreuzberg eine Annäherung zwischen deutschen und nichtdeutschen Kindern zu sehen ist.

    Zwischen Deutschkenntnissen und Muttersprachkenntnissen  besteht ein Zusammenhang. Diesen Zusammenhang zeigt Tab. 17.
    Die Kinder, die in der Muttersprache gut sind, sind in der deutschen Sprache auch gut. Kinder mit geringen oder sehr geringen Muttersprachkenntnissen haben ebenfalls in der deutschen Sprache geringe oder sehr geringe Kenntnisse.

    Tab. 17
    Deutschkenntnisse der Kinder verglichen mit ihren Muttersprachkenntnissen (%)

     

    Deutschkenntnisse

    Muttersprachkenntnisse

    gut

    ausreichend

    gering

    sehr gering

    gut

    50,0

    17,9

    17,9

    14,3

    ausreichend

    -

    13,6

    72,7

    13,6

    gering

    -

    9,1

    72,7

    18,2

    sehr gering

    -

    -

    -

    100,0


    Hier muss auch untersucht werden, ob ein Zusammenhang zwischen Deutschkenntnissen und Spielfreunden der Kinder besteht. (Tab 18)

    Tab. 18
    Deutschkenntnisse der Kinder verglichen mit Spielfreunden (%)

     

    nur türkische

    nur deutsche

    gemischt

    mit Geschwistern

    gut

    14,3

    35,7

    28,6

    14,3

    ausreichend

    44,4

    -

    11,1

    11,1

    gering

    31,0

    -

    10,3

    20,7

    sehr gering

    30,0

    -

    10,0

    40,0


    Es scheint, dass die Kinder, die mit deutschen Kindern wenig Kontakt haben, nur geringe oder sehr geringe Deutschkenntnisse besitzen.
    Um herauszufinden, ob zwischen kognitiver Entwicklung und Kenntnissen in der Deutschen Sprache und in der Muttersprache ein Zusammenhang besteht
    wurden RAVEN Coloured Progressive Matrices (CPM) und Mann-Zeichen-Test nach Ziler, H. (MZT) ausgesucht.

    Tab. 19
    Deutschkenntnisse und Mann-Zeichentest (%)

    Deutschkenntnisse

    Mann-Zeich-IQ

     

    unter 80

    81 – 100

    mehr als 100

    gut

    14,3

    21,4

    64,3

    ausreichend

    -

    -

    99,9

    gering

    3,4

    13,8

    82,6

    sehr gering

    30,0

    50,0

    20,0

    n

    6

    15

    41


    Tab. 20
    Deutschkenntnisse und CPM (%)

    Deutschkenntnisse

    IQ nach CPM

     

    bis zu 80

    81 - 100

    mehr als 100

    gut

    14,2

    64,3

    21,3

    ausreichend

    44,4

    44,4

    11,1

    gering

    31,0

    58,6

    10,3

    sehr gering

    60,0

    40,0

    -

    n

    21

    34

    7


    Hier ist zu beachten, dass der höhere IQ bei Kindern mit geringen Deutschkenntnissen seltener vorkommt.

    Tab. 21
    Muttersprachkenntnisse verglichen mit MZT-IQ (%)

     

    IQ nach Mann-Zeichen-Test

    Muttersprache

    unter 80

    81 – 100

    mehr als 100

    n

    gut

    10,7

    25,0

    64,3

    28

    ausreichend

    4,5

    13,6

    81,8

    22

    gering

    9,1

    45,5

    45,5

    11

    sehr gering

    100,0

    -

    -

    1

    n

    6

    15

    41

    62


    Kinder, die gute oder ausreichende muttersprachliche Kenntnisse besitzen, schneiden beim MZT relativ gut ab.

    Tab. 22
    Muttersprachkenntnisse verglichen mit CPM-Ergebnissen

     

    CPM-Ergebnisse in IQ

    Muttersprachkenntnisse

    unter 80

    81 – 100

    mehr als 100

    n

    gut

    25,0

    60,0

    14,3

    28

    ausreichend

    50,0

    40,9

    9,2

    22

    gering

    18,2

    72,7

    9,0

    11

    sehr gering

    100,0

    -

    -

    1

    n

    21

    34

    7

    62


    Kinder mit guten Muttersprachkenntnissen schneiden im CPM (relativ) besser ab als diejenigen, die geringe Muttersprachkenntnisse haben.

  4. Zusammenfassung
    • Im Stadtteil Kreuzberg wachsen die meisten Vorschulkinder mehrsprachig auf.
    • Nach Deutsch ist Türkisch die meist gesprochene Sprache.
    • Muttersprache der 3. Migrantengeneration ist Hauptkommunikationssprache in den Familien, mehr als 90 % der türkischen und 66 % der kurdischen und mehr als 92 % der Kinder anderer sprachlichen Minderheiten sprechen zuhause ihre Muttersprache/Heimatsprache.
    • Nur 15 % der befragten Eltern meinen, dass ihre Kinder geringe bis sehr geringe muttersprachliche Kenntnisse besitzen, wobei 4/5 der Eltern die Muttersprache ihrer Kinder als gut bis ausreichend bezeichnen.
    • Nach Angaben der Eltern haben nur 37 % der Kinder ausreichende bis gute Deutschkenntnisse, während mehr als 60 % der Eltern deutsche Sprachkenntnisse ihrer Kinder als gering bis sehr gering einschätzen.
    • 86,2 % der Kinder mit geringen und 100 % der Kinder mit sehr geringen Deutschkenntnissen haben vorher keinen Kindergarten besucht.
    • Je besser die Deutschkenntnisse der Mütter, desto besser auch die der Kinder.
    • Zwischen Deutschkenntnissen der Kinder und ihrer Zurückstellung besteht ein enger Zusammenhang. Mehr als 60 % der zurückgestellten Kinder haben geringe bis sehr geringe Deutschkenntnisse.
    • Kinder, die in ihrer Muttersprache gut sind, sprechen auch die deutsche Sprache gut.
    • Von den Kindern, die gute Deutschkenntnisse besitzen, haben mehr als 60 % entweder deutsche oder nationalitätengemischte Freunde.

  5. Der Zweitspracherwerb als Bereicherung oder Überforderung?

    Es ist eine Tatsache, dass die Kinder von Familien mit Migrationshintergrund zweisprachig (mehrsprachig) aufwachsen.
    Die Zweisprachigkeit stellt sowohl für die Kinder, die Familien als auch für die Gesellschaft eine soziale und kulturelle Bereicherung dar. Migrantenkinder kommen mit einem großen Potential an beiden Sprachen in die Schule. Es ist die Frage, wie die Schule diese Potentiale des Kindes nicht nur zugunsten des Kindes, sondern auch zugunsten der Gesellschaft entwickeln und fördern kann.

    Es besteht eine große Gefahr, die Muttersprache von Kindern nichtdeutscher Herkunftssprache in ihrer Entwicklung zu bremsen. In den Migrationsfamilien findet die Kommunikation zu mehr als 90 % in der Muttersprache statt, wie wir in dieser Untersuchung feststellen konnten.
    Wenn die Kinder dann in Kindertagesstätte, Schule und ähnliche Institutionen kommen, sind sie mit der Zweitsprache Deutsch konfrontiert. Durch die Schule wird die Zweitsprache gefördert, die Muttersprache jedoch nicht. Dies bedeutet für die Kinder: Ihre muttersprachliche Entwicklung wird gebremst. Kinder erfahren alltäglich die Geringschätzung ihrer Sprache und Herkunft durch die deutschsprachige Umgebung. Die Kinder erleben ihre Muttersprache selbst als minderwertig. Dies hat großen Einfluss auf die sprachliche Entwicklung als einheitlichen Prozess, insbesondere auf Sprachmotivation, Sprechfreude und auch Sprachanregungen der Kinder.

  6. Das Verhältnis der Erstsprache (Muttersprache) zur Zweitsprache (Deutsch)

    Über das Verhältnis zwischen Erst- und Zweitsprache liefern uns die psycho-linguistischen Untersuchungen mehrsprachiger Kindern gesicherte Erkenntnisse. Danach dient die Sprachfähigkeit in der Erstsprache (Muttersprache) als Grundlage für den Zweitspracherwerb.
    Die Muttersprache stellt die zuerst gelernte Sprache dar. Über die Muttersprache wird eine enge Beziehung zu den Eltern gefestigt und sie ist gekoppelt an die emotionalen Befindlichkeiten und Bedeutungszusammenhänge des Lebens. Mit der Muttersprache findet außerdem die Aneignung von Körpersprache, wie Gestik, Mimik, Sprechrhythmus, Intonation und viele andere körperliche Bewegungen, statt. Mit sprachlichen Anregungen ausreichend geförderte Kinder sind schon mit dem 2. – 3. Lebensjahr ohne Schwierigkeiten in der Lage, beim Erwerb der Zweitsprache auf die bereits erworbenen sprachlichen Fähigkeiten zurückzugreifen. Dies bedeutet für Kinder nichtdeutscher Herkunftssprache, dass ihre Muttersprache kein Hindernis für das Deutschlernen bedeutet, sondern die Entwicklung der Muttersprache eine wesentliche Voraussetzung für einen störungsfreien Verlauf des Deutschspracherwerbs bedeutet. Viele Untersuchungen, Berichte von Lehrern aus Schulen und meine eigenen Erfahrungen mit Kindern von ausländischen Familien weisen darauf hin, dass z. B. die Kinder, deren Sprachentwicklung im Heimatland ausreifen konnte, beide Sprachen gut beherrschen. Hingegen haben die Kinder, die in der muttersprachlichen Entwicklung nicht gut gefördert worden sind oder deren muttersprachliche Entwicklung beim Verlassen der Heimat noch nicht ausgereift war, große Schwierigkeiten beim Zweitspracherwerb. Hier wird der sprachliche Entwicklungsprozess entweder unterbrochen oder gebremst. Die Folge sind gravierende Schwierigkeiten in beiden Sprachen. Meist entsteht eine doppelte Halbsprachkigkeit.

  7. Doppelte Halbsprachigkeit (Semilingualismus)

    Denken und Sprache bilden eine Einheit. Wenn also das Denkvermögen eines Kindes herabgesetzt ist, wird sich das zwangsläufig auch auf die Sprache auswirken. Nun kann man jedoch nicht einfach schlussfolgern: Je geringer die Intelligenz, desto größer auch der Sprachentwicklungsrückstand.
    Doppelte Halbsprachigkeit ist eine sehr verbreitete Sprachauffälligkeit bei Kindern nichtdeutscher Herkunftssprache. Die Kinder beherrschen weder die Muttersprache noch die deutsche Sprache richtig. In der Fachliteratur wird diese Auffälligkeit Semilingualismus oder subraktive Zweisprachigkeit genannt.
    Wesentliche Ursache der doppelten Halbsprachigkeit ist häufiger Bruch im Erwerb der muttersprachlichen Entwicklung. Dieser Bruch wirkt sich in der Entwicklung beider Sprachen aus. Dies zeigt sich vor allem in einem geringen aktiven und passiven Wortschatz, in Artikulationsschwierigkeiten, in Störungen der Redeflüssigkeit. Schüler sind im allgemeinen in der Sprache unsicher. Sie sind meist nicht in der Lage, zeitliche Abläufe und Sinnzusammenhänge richtig wiederzugeben.
    Die doppelte Halbsprachigkeit ist vor allem durch eine fehlende Trennungsfähigkeit gekennzeichnet. Die Kinder mischen die beiden Sprachen.
    Weitere Faktoren, die zur doppelten Halbsprachigkeit führen sind z. B.:
    • Ungünstige Sozialisationsbedingungen
    • Inkonsequenter Gebrauch der zwei Sprachen
    • Keine Weiterförderung der Muttersprache
    • Nichtpraktizierung der Muttersprache in den Institutionen wie Kindertagesstätte, Schule etc.
    • Zu früher Bruch mit dem Entwicklungsprozess der Muttersprache und früher Beginn mit der Zweitsprache
    • Überforderung der Kinder und Eltern mit Zweisprachig

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