14. Dezember 2018

Sprachliche Rituale

Jede Sprachgemeinschaft hat sprachliche Rituale, die ein soziales Regelsystem bilden.

Prof. Dr. Emel Huber

SPRACHLICHE RITUALE IM TÜRKISCHEN

Sprachliche Rituale sind feste sprachliche Wendungen, die zu einem gegebenen Zeitpunkt ausgesprochen werden. Jede Sprachgemeinschaft hat sprachliche Rituale, die ein soziales Regelsystem bilden. Das bedeutet, dass regelkonformes Verhalten positiv, regelwidriges Verhalten negativ sanktioniert wird. Viele sprachliche Rituale stellen einen Sprechakt dar; bei vielen sprachlichen Ritualen gehen sprechen und handeln einher. Zum Beispiel gehört zum Aussprechen von Danke schön das Lächeln, zum Aussprechen von Guten Tag oft der Händedruck oder das Abnehmen des Hutes.

Wie alle soziolinguistischen Erscheinungen weisen auch die sprachlichen Rituale schichtenspezifische (Vergelt’s Gott - Danke schön) , geschlechtsspezifische (Habe die Ehre dürfen zum Begrüßen in Bayern nur Männer sagen) und regionale Unterschiede (Guten Tag - Grüß Gott - Moin moin, Auf Wiedersehen - Pfüti ) auf. In vielen Fällen kennt der Sprecher nur die Funktion der sprachlichen Formen als Rituale und die Bedeutungen der sprachlichen Wendungen sind verlorengegangen wie zum Beispiel bei Hals- und Beinbruch aus Jiddisch Hals- und Beinbaruch; wobei das hebräische Wort baruch „Gesundheit“ bedeutet.

Sprachliche Rituale häufen sich in drei Feldern:

  1. Religiöse sprachliche Rituale wie bei der Taufe, Beerdigung oder Trauung bilden Sprechakte dar, die von Autorisierten vollzogen werden, wie zum Beispiel Ich taufe dich auf den Namen Peter.
  2. Magische sprachliche Rituale gehen auf Zauberformeln zurück, die früher ebenfalls von Autorisierten ausgesprochen wurden. Als magische sprachliche Rituale werden sie heute von jedermann vollzogen wie zum Beispiel im Falle eines verlorenen Gegenstandes: Heiliger Antonius, Kreuz braver mo, i han was verlore, führ mich drano.  Dafür das türkische Ritual: ?eytan ald? götürdü, satamad? getirdi  (Der Teufel hat es mitgenommen, hat es nicht verkaufen können und brachte es zurück).
  3. Alltägliche sprachliche Rituale betreffen unterschiedliche Situationen im Alltagsleben wie zum Beispiel Hals- und Beinbruch.

Im folgenden befasse ich mich mit alltäglichen sprachlichen Ritualen im Türkischen. Dafür möchte ich relevante Lebensabschnitte im menschlichen Leben - von der Wiege bis zur Bahre - herausgreifen und die sprachlichen Rituale hierfür auflisten. Es ist interessant zu sehen, für welche biologischen und sozialen Entwicklungen oder Ereignisse das Türkische sprachliche Rituale entwickelt hat und mit welchen Wörtern und Wendungen diese vollzogen werden. Ich nenne hier nur weit verbreitete Formen und beabsichtige keine erschöpfende Darstellung. Viele Fälle der alltäglichen sprachlichen Rituale bleiben dabei ebenfalls unerwähnt, weil sie keinen Lebensabschnitt oder keinen lebenswichtigen Sachverhalt darstellen, wie zum Beispiel was man sagt, wenn jemand niest oder sich verschluckt; mit was für sprachlichen Formen man sich bedankt, grüßt, verabschiedet; was man sagt, wenn jemand etwas Neues angezogen hat, etwas Leckeres gekocht hat, etwas Außergewöhnliches geträumt hat. Sogar  Kolay gelsin (Möge dir/Ihnen leicht fallen), was man sagt, wenn jemand arbeitet, führe ich nicht auf, obwohl diese Rituale im sozialen Leben eine sehr große Rolle spielen und jeder türkische Sprecher sich unwohl fühlt, wenn er sie nicht ausführen kann.

Die Anmerkung „Keine sprachlichen Rituale“ auf der unten stehenden Liste bedeutet nicht, dass man zu diesen Anlässen überhaupt nichts sagt, sondern es heißt lediglich, dass keine festen sprachlichen Formen vorliegen, die in der landesweiten Sprachkultur verankert sind.

In der folgenden Liste sind nur die Wendungen aufgeführt, die direkt zu den Betroffenen oder über die Betroffenen ausgesprochen werden. Für die meisten der aufgeführten Formen gibt es auch feste Antworten, weil es sich ja um kommunikative Rituale handelt. Die Antwortformen werden in der Liste nicht aufgeführt.

Lebensabschnitte Sprachliche Rituale
1. Geburt Anal? babal? büyüsün.
(Er/Sie möge mit Vater und Mutter groß werden.)
Allah ba???las?n.
(Gott möge es -den Eltern- schenken. Sprich: nicht sterben lassen.)
Güle güle büyüt/ büyütün.
(Möget ihr ihn/sie lachend, sprich: mit Freude großziehen)
Damatl???n? / Gelinli?ini görün.
(Möget ihr sehen, sprich: erleben, dass er Bräutigam / sie Braut wird)
2. Laufen lernen Keine sprachlichen Rituale
3. Sprechen lernen Keine sprachlichen Rituale
4. Einschulung Keine sprachlichen Rituale
5. Pubertät Keine sprachlichen Rituale
6. Militärdienst Keine sprachlichen Rituale
7. Eintritt in das Berufsleben Keine sprachlichen Rituale
8. Heirat Keine sprachlichen Rituale
8a. Der Vater des Jungen hält für ihn um die Hand an Allah’?n emri, peygamberin kavliyle k?z?n?z?o?lumuza istiyoruz.
(Mit Gottes Befehl und Zustimmung des Propheten wünschen wir Ihre Tochter für unseren Sohn, sprich: bitten wir um die Hand Ihrer Tochter.)
8b. Der Vater des Mädchens antwortet K?smetse olur.
(Wenn es vorgesehen, sprich: Schicksal ist, wird es wahr werden.) 
8c. Verlobung Allah tamam?na erdirsin.
(Gott möge Euch zur Vervollständigung, sprich Heirat, führen.)
8d. Trauung + Hochzeit Bir yast?kta kocay?n / kocas?nlar.
(Möget Ihr auf einem Kopfkissen alt werden.)
Allah mutlu etsin.
(Gott möge Euch / sie glücklich machen.)
Dall? budakl? olun.
(Möget Ihr viele Zweige und Äste haben, sprich: Möget Ihr viele Kinder und Nachkommen haben.)
8d. An nicht verheiratete Anwesende Dar?s? ba??na / ba??n?za.
(Deren Durra auf deinen / euren Kopf, sprich: Mögest du / Möget ihr auch heiraten.)
9. Scheidung Hakk?nda hay?rl?s? olsun.
(Möge es gut für dich sein.)
10. Trennung Allah kavu?tursun.
(Gott möge euch zusammenführen.)
11. Zusammenkunft Gözün ayd?n.
(Dein Auge hell, sprich: Mögen deine Augen strahlen.)
12. In eine (neue) Wohnung einziehen Güle güle oturun.
(Möget ihr lachend, sprich: in Freude darin wohnen.)
13. Krankheit Geçmi? olsun.
(Möge vorbei sein.)
Allah sa?l?k versin.
(Gott möge Gesundheit geben.)
14. Tod Allah rahmet eylesin.
(Gott segne.)
Mekan? cennet olsun.
(Möge sein Platz Paradies sein.)
Nur içinde yats?n.
(Möge er in Licht liegen.)
Topra?? bol olsun.
(Möge seine Erde viel sein.)
14a. Über Nichtmuslime Allah dinince dinlendirsin.
(Gott möge ihn/sie nach seiner/ihrer Religion ruhen lassen.)
14b. Zu den Hinterbliebenen

Topra?? bol olsun.
Ba??n?z sa? olsun.
(Möget ihr gesund sein.)
Allah sab?r versin.
(Gott möge euch Geduld geben.)
Emir Allah’a gitmek.
(Befehl ist zum Gott zu gehen.)

 

Auch wenn die Liste nicht vollständig ist, läßt sich erkennen, dass die meisten sprachlichen Rituale die Geburt, die Heirat und den Tod betreffen. Bei den sprachlichen Äußerungen handelt es sich um gute Wünsche, die religiöse und  weltliche Varianten aufweisen. Die Auswahl wird durch weltanschauliche, geschlechtsspezifische oder regionale Besonderheiten der einzelnen Sprecher getroffen.

Die für das Individuum relevanten Erscheinungen wie laufen lernen oder zu sprechen anfangen sind nicht mit festen sprachlichen Ritualen verbunden.

Weil eine lebende Sprache zu beherrschen notgedrungen auch heißt, die Sprachkultur zu beherrschen und in dieser Sprache (ohne größere) Regelwidrigkeiten zu kommunizieren, ist es auch für den Sprachunterricht wichtig, sprachliche Rituale in einzelnen Sprachen zu thematisieren. Im Alltagsleben hat das Türkische zahlenmäßig mehr sprachliche Rituale als das Deutsche. Aus diesem Grunde fehlen den türkischen Muttersprachlern in der Kommunikation mit deutschen Muttersprachlern oft die deutschen Entsprechungen für ihre gewohnten Rituale. Dann kann es leicht vorkommen, dass türkische Wendungen wort-wörtlich ins Deutsche übersetzt werden, die aber für einen deutschen Muttersprachler keinen Sinn ergeben. In solchen Fällen fallen die türkischen Muttersprachler „komisch“ auf. Wie bei allen soziolinguistischen Erscheinungen sind aber diese Rituale solch bindende Regeln, dass sich ein türkischer Muttersprachler unglücklich fühlt, wenn er in der gegebenen Situation nichts sagen würde. Auf der anderen Seite erwarten die türkischen Muttersprachler auch von deutschen Muttersprachlern die „nötigen“ sprachlichen Rituale und finden es unhöflich oder gar „unmenschlich“, in „dieser Situation“ nichts gesagt zu haben, weil sie nicht wissen, dass es solche Rituale im Deutschen nicht gibt. Für eine gelungene Kommunikation zwischen türkischen und deutschen Muttersprachlern ist es deshalb wichtig, im Sprachunterricht auch sprachliche Rituale zu thematisieren.



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