14. Dezember 2018

Possessiv und Possessivität

Türkisch hat Markierungstechniken entwickelt, die die Versprachlichung unterschiedlicher Ausdrucksbedürfnisse ermöglichen.

Prof. Dr. Emel Huber 

POSSESSIV UND POSSESSIVITÄT IM TÜRKISCHEN UND DEUTSCHEN

In der deutschen Grammatik ist es üblich, zwischen "Tempus" und "Temporalität" zu unterscheiden. Dabei ist "Tempus" eine syntaktische Kategorie, "Temporalität" eine semantische. Im Satz Dieses Buch habe ich in fünf Minuten gelesen  kommt das Tempus "Perfekt" vor; die Temporalität ist mehrdeutig:  entweder Zukunft oder Vergangenheit. Analog dazu möchte ich im folgenden Possessiv und Possessivität unterscheiden. Unter "Possessiv" verstehe ich eine syntaktische Kategorie, unter
"Possessivität" eine semantische. Bei der Possessivität handelt es sich um sehr unterschiedliche semantische Beziehungen, wie z.B. meine Mutter (Verwandtschafts- beziehung), meine Hand (Körperteil), unsere Melodie (gemeinsames Erleben), mein Italien (Italien, wie ich es sehe), mein Alter/mein Kilo (persönliche Eigenschaft), mein Buch (ich habe es geschrieben/gelesen/gekauft/habe bei mir/ich besitze es), usw. Dabei ist "Besitz", wie der Name "possessiv" nahelegt, nur ein Spezialfall. Ohne den Bedeutungsunterscheidungen im einzelnen nachzugehen, möchte ich im folgenden unter der Possessivität eine „Zugehörigkeitsbeziehung" in einem ganz allgemeinen Sinn verstehen.

Während alle Sprachen Possessivität ausdrücken können, sind die dazu verwendeten Mittel von Sprache zu Sprache verschieden. Zunächst möchte ich Typen des Possessivs vorstellen; dann zeigen, welche von diesen Markierungstechniken im Türkischen eingesetzt werden und welche Kriterien die Auswahl einer bestimmten Technik aus den potenziellen Möglichkeiten lenken.

Türkisch ist eine agglutinierende Sprache, deshalb ist zu erwarten, dass das Possessiv im Türkischen als eine Endung am Possessee markiert wird. Dies trifft auch für das Ungarische zu, das ebenfalls eine agglutinierende Sprache ist:

Türkisch ev - im
Ungarisch ház - om
  Haus-mein für „mein Haus“.

Türkisch hat allerdings auch andere Markierungstechniken entwickelt, die die Versprachlichung unterschiedlicher Ausdrucksbedürfnisse ermöglichen. In traditionellen Grammatiken werden solche Formen des Türkischen in der Regel nicht erwähnt, obwohl sie, auch wenn nicht in wissenschaftlichen Texten, so doch in der Umgangssprache (besonders in Face-to-face-Gesprächen) sehr häufig verwendet werden, manchmal sogar DIE Norm darstellen. Bei der Besprechung der türkischen Markierungstechniken werden weiter unten auch diese Möglichkeiten besprochen.

1. Typen des Possessivkonstruktionen
Im folgenden werden sechs Typen von Possessivkonstruktionen unterschieden, die mit wenigen Beispielen demonstriert werden.

1.1 Possessivtyp I: Possessivendung
Beim Possessivtyp I wird der Possessor durch possessive Affixe am Possessee markiert. Dabei handelt es sich entweder um Präfixe (wie in Acoma, eine Sprache in New-Mexico) oder Suffixe (wie in Ungarisch und Türkisch).

Acoma s -amasdi  
  POSS Hand „meine Hand“
Ungarisch könyv -em  
  Buch POSS „mein Buch“
Türkisch ev -im  
  Haus POSS „mein Haus“

Die deutsche Sprache kennt diesen Typus der Possessivmarkierung nicht, weil es im Deutschen keine Possessivendungen gibt. Eine ähnliche Bildung liegt nur in einigen Überbleibseln wie in Vaterunser  vor.

1.2    Possesivtyp II: Possessivpronomen
Beim Possessivtyp II wird der Possessor (in Form von Nomina oder Pronomina) durch genitivische Konstruktionen markiert. Das ist die typische Possessivmarkierung im Deutschen und Englischen. Aber auch das Türkische bietet diese Möglichkeit. Das Possessee bleibt unmarkiert. In Verwendung mit Pronomina werden diese im Genitiv formuliert und stehen vor dem Possessee.

Englisch my house
Deutsch mein Haus
Türkisch benim ev

In Verwendung mit Nomina (wenn also der Possessor durch ein Nomen ausgedrückt wird) ändert sich die Reihenfolge zu Possessee – Possessor.
Das ist ein gängiger Markierungstyp in den indoeuropäischen Sprachen. Im Türkischen ist dieser Typ nicht zulässig.

Italienisch la casa del preside
Englisch the house of the president  
Deutsch das Haus des Präsidenten  
Türkisch *ev  ba?kan?n

Die türkische Form Ev ba?kan?n ist eigentlich eine grammatikalische Form, allerdings nicht als Possessivkonstruktion, sondern als Satz mit der Bedeutung „Das Haus gehört dem Präsidenten“. Das liegt an dem Linksverzweigungsprinzip des Türkischen.
Die Reihenfolge Possessor – Possessee bei diesem Possessivtyp ist im Italienischen und Englischen nicht zulässig. Im Deutschen erscheint sie in festen Formen. Im Türkischen ist diese Form mit bestimmten Verwendungsrestriktionen zulässig.

Italienisch *del preside la casa
Englisch *of the president the house  
Deutsch *des Präsidenten Haus
Deutsch des Menschen Wille ist sein Himmelreich  (feste Form)
Türkisch ba?kan-?n ev

Der Possessivtyp II mit der Reihenfolge Possessor – Possessee ist im Englischen nur mit Eigennamen zulässig: John’s house.

1.4 Possessivtyp III: Genitivkonstruktionen + Possessivendung
Beim Possessivtyp III wird der Possessor mit Genitiv, das Possessee mit Possessivsuffix markiert. Die Reihenfolge erfolgt als Possessor – Possessee. Das ist in der türkischen Sprache die gängige Possessivkonstruktion, im Deutschen ist sie nicht zulässig, weil in der deutschen Sprache keine Possessivsuffixe existieren.

Türkisch ba?kan-?n
ev  -i
Deutsch *des Präsidenten
Haus-sein

In diesem Fall muss im Deutschen der Possessivtyp II gebraucht werden: das Haus des Präsidenten.              
Diese Konstruktion gilt im Türkischen auch mit Pronomina, was im Deutschen ebenfalls nicht existiert.

Türkisch o-nun ev  -i
Deutsch *er-s Haus-sein  „sein Haus“

Dieser Possessivtyp kann im Türkischen auch mit der Reihenfolge Possessee – Possessor konstruiert werden. Die Verwendung unterliegt kommunikativen Restriktionen, die unten besprochen werden.

Türkisch benim evim
  evim benim
  ba?kan?n evi
  evi ba?kan?n)

1.5 Possessivtyp IV: Dativkonstruktionen
Beim Possessivtyp IV wird der Possessor mit Dativ markiert. Das Possessee bleibt entweder nicht markiert, oder es wird mit Possessivpronomina markiert. Die Reihenfolge erfolgt als Possessor – Possessee. Dieser Possessivtyp wird in deutschen Dialekten verwendet, im Türkischen ist er nicht zulässig.

Deutsch (Bairisch) da Sabine sei Wogn „der Wagen der Sabine“
  am Buam sei Wogn „der Wagen des Buben“
  eam sei Wogn „sein Wagen“

Die Verwendung dieses Typs unterliegt allerdings einer semantischen Restriktion und ist nur mit Menschen zulässig. Deshalb ist die Form  *eam Wogn sei Scheinwerfer  [-Hum] nicht zulässig.

1.6 Possessivtyp V: Reihenfolgebeziehungen
Beim Possessivtyp V werden weder der Possessor noch das Possessee markiert; die Konstruktion basiert lediglich auf Reihenfolgebeziehungen. Dies ist weder im Deutschen noch im Türkischen zulässig.

Jamaican Creole Rabat miizl
  Roberts Masern

1.7 Possessivtyp VI: Satzähnliche Konstruktionen
Beim Possessivtyp VI handelt es sich um satzartige Konstruktionen, die weder im Deutschen noch im Türkischen zulässig sind.

Pidgin English table belong me
   mein Tisch

Tabellarischer Vergleich der Possessivkonstruktionen im Deutschen und Türkischen

Possessivtyp Türkisch Deutsch
Typ I  evim  -
Typ II  benim ev
 -
 ba?kan?n ev
 mein Haus
 das Haus des Präsidenten
 ? des Präsidenten Haus
Typ III  ba?kan?n evi
  evi ba?kan?n
  benim evim
  evim benim
 -
 -
 -
 -
Typ IV  -  da Sabine sei Wogn


2. Possessivausdrücke ohne Possessivitätsbeziehung

Die oben aufgeführten Possessivkonstruktionen können sowohl zum Ausdruck der Possessivität verwendet werden als auch ohne den Aspekt der Possessivität, nur zu syntaktischen Zwecken. Unten werden Fälle aufgeführt, in denen Possessivausdrücke vorkommen, die  den semantischen Aspekt Possessivität nicht zeigen und nur zu syntaktischen Zwecken gebraucht werden. 

2.1 Syntaktische Transformationen
Sowohl im Deutschen als auch im Türkischen können Sätze mit einem Akkusativobjekt in Nominalphrasen transformiert werden, in denen das Subjekt und das Objekt in Possessivkonstruktionen erscheinen können. 

Aus dem Satz Cäsar eroberte Rom    
    Cäsars Eroberung (Subjektnominalisierung)
    Eroberung Roms (Objektnominalisierung).

Aus dem Satz Sezar Roma'y? fethetti
    Sezar'?n fethi (Subjektnominalisierung)
    Roma’n?n fethi (Objektnominalisierung).

Im Rahmen der syntaktischen Transformationen setzt das Türkische auch bei Satzeinbettungen die Possessivkonstruktion ein, was im Deutschen nicht zulässig ist.
Aus den Sätzen
    Ben geldim. Ay?e (bunu) gördü.
    Ich bin gekommen. Ay?e hat das gesehen.                 
wird die Einbettung formuliert
    Ay?e   gel     -dik     -im       -i         gör-dü
    Ay?e  komm-PART-POSS-AKK   seh-VERG3PSg
    Ay?e gekommensein-mein         seh-te-sie
    Ay?e hat gesehen, dass ich gekommen bin.

2.2 Partitivkonstruktionen
Die Possessivkonstruktionen ohne den semantischen Aspekt der Possessivität werden im Türkischen auch bei Partitivkonstruktionen eingesetzt.
    Ö?renciler-in      iki -si           gel -me -di
    Studenten -der  zwei-POSS  komm-NEG-VVERG3.PSg
    Zwei der Studenten sind nicht gekommen.
    Ö?renci-ler-den    iki    -si          gel   - me   -di
    Student-en-von   zwei-POSS   komm-NEG-VERG3.PSg
    Zwei von den Studenten sind nicht gekommen.

2.3 Eigennamengenitive 
Ebenfalls ohne den semantischen Aspekt der Possessivität werden Eigennamen mit Possessivkonstruktionen angegeben. Im Deutschen ist diese Form nicht zulässig, dort wird der Name ohne Markierung hinter das Nomen gestellt.
    Italienisch     la citta di Roma
    Englisch        the city of London
    Türkisch        Istanbul ?ehr-i
    Deutsch        die Stadt München

3. Verwendungsrestriktionen der Possessivformen im Türkischen
In allen Grammatiken des Türkischen wird der Possessivtyp I evim  als die quasi neutrale "Normalform" der Possessivität beschrieben. Die türkischen Grammatiken schreiben über den Typ III  benim evim, er werde "zum Betonen verwendet", ohne näher zu beschreiben, was warum betont werden soll. Der Possessivtyp II mit Pronomen benim ev  wird von den türkischen Turkologen überhaupt nicht erwähnt. Die ausländischen Turkologen wie Kissling, Lewis und Underhill erwähnen ihn und bemerken dazu, dass er „nur in der niederen Umgangssprache" verwendet wird. Der Possessivtyp II mit Nomen ba?kan?n ev  wird normalerweise nirgends erwähnt. Im folgenden möchte ich aufzeigen, dass die Verwendung der vier Possessivtypen mit bestimmten Restriktionen versehen sind. Bei den Restriktionen handelt es sich um semantische, kommunikative, textlinguistische und soziolinguistische Kriterien, die sowohl Verwendungsgebot als auch Verwendungsverbot auslösen.

3.1 Semantische Restriktionskriterien
Wenn bei der Possessivitätsrelation das Possessee etwas Unveräußerliches (zum Beispiel Körperteile) oder etwas Abstraktes (zum Beispiel Freiheit) ausdrückt, müssen der Possessivtyp I und  III verwendet werden. Der Possessivtyp II darf nicht verwendet werden:

Körperteile: elim/ benim elim *benim el „meine Hand“
Blutsverwandtschaften babam/ benim babam *benim baba „mein Vater“
Eigenschaften: ya??m/benim ya??m *benim ya? „mein Alter“
Teil-Ganzes: evin dam? *evin dam „das Dach des Hauses“
Abstrakta: özgürlü?üm/benim özgürlü?üm *benim özgürlük „meine Freiheit“

Die Versprachlichung der Possessivausdrücke bei Körperteilen unterscheidet sich stark zwischen Sprachen. Während in manchen Sprachen das Possessivpronomen dem Gebrauchsgebot unterliegt, unterliegt es in anderen dem Gebrauchsverbot. In der deutschen Sprache sind beide Formen möglich:
Spanisch      Cruzo los brazos - *Cruzo mis brazos
Deutsch        Ich verschränke die Arme / Ich verschränke meine Arme
Türkisch        Kollar?m? kavu?turdum - *Kollar? kavu?turdum
Englisch        I am crossing my arms - *I am crossing the arms


3.2 Kommunikative Restriktionskriterien

Unter kommunikativen Restriktionskriterien verstehe ich diejenigen Kriterien, die auf  Anrede, Gegenüberstellungen (Vergleiche) und Sprechakte zurückgehen.

3.2.1 Anrede
Bei der Anrede wird im Türkischen zwischen der liebevollen und neutralen Anrede unterschieden. Wenn statt Eigennamen Verwandtschaftsbeziehungen oder Berufsbezeichnungen verwendet werden, erfolgt die neutrale Anrede nach dem Possessivtyp I. Für diese Fälle sind die Possessivtypen II und III  nicht gestattet:                
    Hocam!   (Anrede an den Lehrer)
aber  *benim hocam, *hocam benim, *benim hoca 
Eine ähnliche Verwendung liegt im Französischen Mon generale  vor. Im Deutschen ist die Possessivkonstruktionen in der neutralen Anrede eher unüblich.

Bei der liebevollen Anrede muss der Possessivtyp III mit der Reihenfolge Possessee - Possessor verwendet werden; die Reihenfolge Possessor – Possessee ist nicht zulässig, weil sie dann einen referierenden Ausdruck darstellt und keine Anrede:
    Can?m benim! Aslan?m benim!
aber *Benim can?m, *Benim aslan?m .
Dieser Possessivtyp als quasi-Anrede kann auch im Zusammenhang von Dingen also mit dem Merkmal [ - Hum ] verwendet werden:
    Oh, evim benim!  (Gesagt mit Sehnsuch wie in Home, sweet home) .
Obwohl im Deutschen bei der neutralen Anrede keine Possessivkonstruktionen verwendet werden, sind bei der liebevollen Anrede einige Possessivkonstruktionen zulässig wie bei Mein Junge .

Bei Beschimpfungen und Vorwürfen wird im Türkischen ebenfalls der Possessivtyp III mit der Reihenfolge Possessee – Possessor verwendet, wobei die Possessivkonstruktion durch das Prädikat unterbrochen wird:
    Gözünüz        görmüyor            mu          sizin? 
    Auge-POSS  seh-NEG-PRÄS  FRAGE   euer
    Sieht (es) euer Auge nicht
    Seht ihr's denn nicht?

3.2.2 Gegenüberstellung
Der Satz Mein Auto ist kaputtgegangen  drückt den Sachverhalt aus, dass das Auto, das mir gehört kaputtgegangen ist. Das wird auf Türkisch mit der neutralen Possessivkonstruktion, also mit dem Possessivsuffix ausgedrückt Arabam bozuldu. Falls allerdings eine Gegenüberstellung, ein Vergleich ausgedrückt werden soll, dass es mein Austo ist, das kaputtgegangen ist und nicht eines anderen, dann wird im Deutschen das Possessivpronomen betont Mein Auto ist kaputtgegangen . In diesem Falle kann im Türkischen die Technik des Betonens nicht eingesetzt werden, weil das Possessivsuffix ohnehin die Wortbetonung auf sich zieht. Deshalb wird in den Fällen der Gegenüberstellung nebst dem mit Possessivsuffix markierten Possessee auch das Possessivpronomen als Possessor hinzugefügt:
    Benim arabam bozuldu, seninki i?liyor.
    Mein Auto ist kaputtgeganngen, deines funktioniert.

3.2.3 Sprechakte
Ein und derselbe Sachverhalt kann im Rahmen unterschiedlicher Sprechakte unterschiedlich versprachlicht werden. So kann zum Beispiel der Sachverhalt, gegessen und Kaffee getrunken zu haben, folgenderweise versprachlicht werden:
Sprechakt „Mitteilen“ auf die Frage Was habt ihr gemacht?
    Yemek yedik, kahve içtik.
    Wir haben gegessen, Kaffee getrunken.

Im Falle einer Aufforderung oder eines Vorwerfens wird aber derselbe Sachverhalt mit Possessivendungen versprachlicht. Die Verwendung des Possessivpronomens ist in diesen Fällen nicht gestattet. Die Possessivendung drückt keine Possessivität aus, dient lediglich zum Ausdruck des Sprechaktes.
Sprechakt „Auffordern“:
    Yeme?imizi yedik, kahvelerimizi içtik, hadi art?k gidelim!    
    Komm, gehen wir, wo wir doch schon gegessen haben!
In diesem Srechakt ist nur diese Markierungsform gestattet, die anderen Possessivformen  *bizim yeme?i  oder *bizim yeme?imizi  sind nicht gestattet.

Sprechakt „Vorwerfen“:
    Maman? yedin, oyununu oynad?n, daha ne a?l?yorsun!
    Du hast doch schon gegessen und gespielt. Was weinst du noch!
 
Auch hier sind die Possessivformen *senin maman?  und *senin mamay?  nicht zulässig. Diese Possessivformen würden eine Possessivität ausdrücken, was in diesem Fall nicht intendiert ist.

3.3 Textlinguistische Restriktionskriterien
Die Koreferenzherstellung auf einen vorerwähnten Antezedenten erfolgt durch den Possessivtyp II. Dabei handelt es sich nicht um eine Possessivität, sondern um eine Wiedererwähnung eines Antezedenten. Die semantische Unterscheidung, ob der Antezedenzausdruck menschlich oder nicht menschlich ist, spielt hier keine Rolle.
Der Gesprächspartner, der im Redefluß den Antezedenten erwähnt hat, wird als Possessor mit Genitiv markiert, das Possessee bleibt unmarkiert:
    Bak, senin sakall? geliyor.  „Schau, da kommt dein Bärtiger.“ [ + Hum ]
    Bak, senin kaza?? vitrinden kald?rm??lar. „Schau, deinen Pullover haben sie aus dem Schaufenster geräumt.“ [ - Hum ]
Hier bedeuten senin sakall?  (dein Bärtiger)  und senin kazak  (dein Pullover)  lediglich, dass der mit „du“ Angeredeter einen bärtigen Mann  / einen Pullover thematisiert hat, auf die nun referiert wird. Somit dient dieser Possessivtyp nur zum anaphorischen Gebrauch und drückt keine Possessivität aus. In dieser Funktion ist der Possessivtyp III nicht zulässig. 

3.4 Soziolinguistische Restriktionskriterien
In wissenschaftlichen Texten und in „formellen“ Gesprächen in der Standardsprache wird die Possessivität durch Possessivendungen mit oder ohne Possessivpronomen gebraucht (deren Auswahl nach kommunikativen Regeln getroffen wird). Die Form Possessivpronomen ohne Possessivendung am Possesser benim araba ist nur in der Umgangssprache möglich.    

 

Fazit
Abgesehen von den mundartlichen Dativkonstruktionen bietet die deutsche Sprache folgende Formen von Possessivkonstruktionen:

Possessor als Pronomen ausgedrückt: sein Auto ,
Possessor als Nomen ausgedrückt: das Auto des Mannes ,
Possessor als Eigennamen ausgedrückt: Peters Auto.

Die türkische Sprache bietet folgende Formen von Possessivkonstruktionen:

Possessor als Endung ausgedrückt: arabas?
Possessor als Pronomen ausgedrückt: onun araba
Possessor als Pronomen und Endung ausgedrückt: onun arabas?
arabas? onun
Possessor als Eigenname ausgedrückt: Peter’in arabas?

Die Auswahl dieser sprachlichen Formen unterliegen im Türkischen semantischen, kommunikativen und textlinguistischen Restriktionen, die oben exemplarisch vorgestellt wurden. Das heißt, diese Markierungstechnicken sind keine Fehlkonstruktionen, sondern akzeptable Formen der Possessivkonstruktionen, somit Teil des türkischen Sprachsystems. Wenn wir verstehen wollen, wie eine Sprache funktioniert, müssen wir neben wohlgeformten Deklarativsätzen auch die mündliche Kommunikationssprache in die Sprachanalyse mit einbeziehen.



Sprungmarken

Projektpartner


URL dieser Seite: http://www.lehrer-info.net/kompetenz-portal.php/aid/113/cat/13