14. Dezember 2018

Türkisches und deutsches Alphabet

Heute gibt es drei weit verbreitete Alphabete: das griechische, das kyrillische und das lateinische Alphabet. Deutsch und Türkisch verwenden als Grundlage das lateinische Alphabet.

Prof. Dr. Emel Huber 

DAS ALPHABET DES DEUTSCHEN UND TÜRKISCHEN 

1. Alphabet, Buchstabe, Graphem, Phonem, Phon
Die menschliche Sprache ist ein System von Zeichen, wobei Zeichen als eine Bindung zwischen einem Lautgebilde und einer Bedeutung verstanden wird.Das heißt, die menschliche Sprache beruht auf sprechen. Weil aber die Menschen das Gesprochene auch festhalten wollten, haben sie unterschiedliche Formen von Schriftsystemen entwickelt. Um ein sprachliches Zeichen in Form von Schrift festzuhalten, gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder werden die Wortbedeutungen geschrieben, oder die Laute. Die Schriftsysteme, die die Wortbedeutungen verschriftlichen, legen Ideogramme oder Logogramme fest (wie zum Beispiel in den Hieroglyphen und im Chinesischen). Das sind schriftliche Zeichen für Wortbedeutungen, und solche Schriftsysteme heißen Ideographie oder Logographie. Die Schriftsysteme, die die Sprachlaute verschriftlichen, legen Zeichen entweder für Silben (wie im Japanischen) oder für Phoneme fest. Solche Schriftsysteme werden als Silbenschrift oder Alphabetschriften bezeichnet. Die Alphabetschriften ihrerseits legen entweder Zeichen für womöglich alle Laute fest, oder nur für Konsonanten (dann heißen sie Konsonantschriften wie zum Beispiel die arabische und hebräische Schrift). Heute gibt es drei weit verbreitete Alphabete: das griechische, das kyrillische und das lateinische Alphabet. Deutsch und Türkisch verwenden als Grundlage das lateinische Alphabet.

Die kleinsten Einheiten einer Sprache, die keine Bedeutungen haben, aber Bedeutungsänderungen hervorrufen können, heißen Phoneme. So hat das Wortpaar Mutter / Mütter  verschiedene Bedeutungen, hervorgerufen durch die Phoneme / u / und / ü / , die für sich genommen keine Bedeutung haben. Die Phoneme ihrerseits existieren eigentlich nur in dem Bewußtsein der Sprecher einer Sprache, sind somit abstrakte Einheiten, die sich in der realen Sprachverwendung an die Umgebungslaute anpassen und unterschiedlich ausgesprochen werden. So wird die abstrakte Einheit, das Phonem,  / k /   in den Umgebungen von kahl  und Kiel  unterschiedlich ausgesprochen: Im ersten Fall als ein Hintergaumenkonsonant [ k ], im zweiten Fall als ein Vordergaumenkonsonant [ c ]. Wenn Phoneme ausgesprochen werden, heißen sie Phone. Sowohl im Deutschen als auch im Türkischen werden Phoneme als unterschiedliche Phone realisiert. Dann spricht man von Allophonen und man sagt, das Phonem / k / hat zwei Allophone [ k ] und [ c ]. Genauso sieht es auch im Türkischen aus und zwar nicht nur bei Konsonanten, sondern auch bei Vokalen: Das Phonem /e/ wird in den Wörtern ekmek, leylek, sen  als [ ? ], [ e: ] und [ æ ] realisiert, hat also drei Allophone.

Das Prinzip des lateinischen Alphabets geht auf den Versuch zurück, für jedes Phonem eine schriftliche Form, einen Buchstaben, festzulegen. Das klassische Latein hatte aber viele Phoneme nicht, die zum Beispiel Deutsch und Türkisch haben. Deshalb hat das lateinische Alphabet keine Buchstaben für  die Phoneme  / ? / , / œ / oder / y /. Aus diesem Grunde mußten die Sprachen, die das lateinische Alphabet verwenden wollten, unterschiedliche Lösungen für das Problem entwickeln. In manchen Fällen wurden neue Buchstaben entwickelt wie zum Beispiel für das Phonem / ? / der Buchstabe < ? > im Türkischen. Oder es wurden Kombinationen aus vorhandenen Buchstaben festgelegt, wie zum Beispiel <sch> im Deutschen, die als Graphem bezeichnet werden. Das heißt, nicht Buchstaben sind dann die verschriftlichte Form von Phonemen, sondern Grapheme. Graphem ist somit die Wiedergabe eines Phonems in der Schrift. Buchstabe ist das Schriftzeichen in einem Alphabet. Um das deutsche Wort [ ´?u:l? ] = Schule zu schreiben braucht man sechs Buchstaben <s, c, h, u, l, e>. Dabei entsprechen die drei Buchstaben <sch> dem einen Graphem für das Phonem / ? /.
So ist zum Beispiel auch die Anzahl der Buchstaben im italienischen Alphabet geringer gehalten als italienische Phoneme. Für das italienische Phonem / ? / gibt es keinen Buchstaben, es wird mit dem Graphem <sci> oder <sce> verschriftlicht.

Das lateinische Alphabet versucht, wie gesagt, für jedes Phonem ein Graphem festzulegen, das heißt Phone werden im lateinischen Alphabet nicht wiedergegeben. Um auch die Ausspracheformen verschriftlichen zu können, wurde das „Phonetische Alphabet“ entwickelt. Traditionell werden Phoneme  zwischen Schrägstrichen /  / , Phone in eckigen Klammern [  ] und Grapheme in spitzen Klammern < >  notiert.

Wie bei vielen anderen Sprachen wurde das lateinische Alphabet auch für Türkisch und Deutsch zum Teil geändert, zum Teil ergänzt, so dass heute in diesen beiden Schrifsystemen sowohl Ähnlichkeiten als auch Unterschiede vorliegen. Unten werden zunächst die  Umsetzungen des lateinischen Alphabets im Türkischen und Deutschen wiedergegeben, dann werden Lautwerte und Grapheme im Deutschen und Türkischen vergleichend aufgelistet, wobei Elemente aus dem phonetischen Alphabet als Erklärung herangezogen werden.
Bei der Besprechung des deutschen und türkischen Schriftsystems geht es nicht um eine erschöpfende Darstellung der beiden Schriftsysteme, sondern um einen Vergleich selektierter Felder, wobei die Selektion auf Fehlerquellen von Bilingualen hin unternommen wurde.

 
1 .1 Türkisches und deutsches Alphabet
Das türkische Alphabet hat 29 Buchstaben:
A a / B b / C c / Ç ç / D d / E e / F f / G g / ? ? / H h / I  ? / ?  i / J j / K k / L l / M m / N n / O o / Ö ö /
P p / R r / S s / ? ? / T t / U u / Ü ü / V v / Y y / Z z.

Das deutsche Alphabet hat 30 Buchstaben
A a / Ä ä / B b / C c / D d / E e / F f / G g / H h / I i / J j / K k / L l / M m / N n / O o / Ö ö / P p / Q q / R r / S s / ß / T t / U u / Ü ü / V v / W w / X x / Y y / Z z.

Während das türkische Alphabet immer mit den oben angeführten Buchstaben aufgelistet wird, gibt es unterschiedliche Schreibtraditionen beim deutschen Alphabet. Oft werden die Buchstaben <ä, ö, ü, ß> überhaupt nicht im Alphabet aufgenommen.  

Wie aus der obigen Aufstellung ersichtlich ist, gibt es sehr viele Buchstaben, die im deutschen und türkischen Alphabet identisch sind, aber auch solche, die es nur im türkischen oder nur im deutschen Alphabet existirien:

Im deutschen Alphabet nicht existierende türkische Buchstaben                             
Ç ç ; ? ? ;  ?  ;  ?  ;  ? ?

Im türkischen Alphabet nicht existierende deutsche Buchtaben
Ä ä ; Q q ; ß ; W w ; X x.

 

1. 2 Buchstabe und Graphem im Deutschen und Türkischen
Manche aus dem oben angeführten 30 Buchstaben des deutschen Alphabets werden in festen Buchstabenkombinationen als Grapheme festgelegt. Dabei handelt es sich sowohl um vokalische Diphthonge, als auch um Konsonantenhäufungen. Im Türkischen gibt es keine speziellen Buchstabenkombinationen als Grapheme.
 
Manche Grapheme für Diphthonge

<au> wie in Haus
<ai, ei, ay, ey> wie in Maier, Meier, Mayer, Meyer
<eu> wie in heute
<ui> wie in Pfui

 

Manche Grapheme für Konsonantenhäufungen

<tsch> für [ ? ] wie in Deutsch
<qu> für [ kv ] wie in Quelle

 

1. 3 Türkische Buchstaben, die es im deutschen Alphabet nicht gibt, oder die einen mit dem deutschen nicht identischen Lautwert haben, werden unten aufgelistet:

C [? ] wie in Deutsch Gin, Türkisch Cin
Ç [ ? ] wie in Deutsch Tschüss, Türkisch çay

 

?

- gilt in der Umgebung mit hinteren Vokalen als Längezeichen (wie im Deutschen h in Lehrer oder i in Biene ). So wird das Wort da? als [ da: ] ausgesprochen.
- wird in der Umgebung von vorderen Vokalen entweder als Länge ausgesprochen wie in ö?len [ œ:´læn ], oder wird wie ein Halb-konsonant ausgesprochen wie in te?men [ tej ´mæn ] .

? [ ï ] gibt es zwar im Deutschen nicht, aber wenn das Verb waschen am Ende schnell ausgesprochen wird, klingt es diesem Vokal ähnlich.
? Das große i muss mit einem Punkt geschrieben werden, weil die Form ohne Punkt der Buchstabe für den groß –? ist.
J [ ? ] wie in Deutsch Garage, Türkisch Jale
S immer [ s ] wie in Deutsch was, Türkisch sor
? [ ? ] wie in Deutsch Schule, Türkisch ?ule
V immer [ v ] wie in Deutsch Wasser, Vase, Türkisch vazo
Y [ j ] wie in Deutsch Bayern, Türkisch Bavyera, yelek
Z immer [ z ] wie in Deutsch Sommer, Türkisch zor

 
2. Schriftsystem
Während das Alphabet die einzelnen Schriftzeichen festlegt, legt das Schriftsystem fest, wie Texte geschrieben werden, das heißt zum Beispiel wie die Groß- / Kleinschreibung und die Interpunktion eingesetzt werden. Diesbezüglich sind im deutschen und türkischen Schriftsystem die Ähnlichkeiten größer als die Unterschiede. Als größter Unterschied muss die Großschreibung der deutschen Nomina genannt werden. Das türkische Schriftsystem geht da wie andere Schriftsysteme vor und schreibt Nomina (außer Eigennamen) klein.

3. Schreibfehler

Beim Schreiben der türkisch – deutsch Bilingualen führen verschiedene Gründe zu Schreibfehlern. Zum einen liegen die Gründe im systeminternen Bereich, zum anderen basieren sie auf Interferenz.
Im Rahmen der systeminternen Fehler kommen unsystematische, inkonsequente Anwendung der Schreibregeln sowohl im Deutschen als auch im Türkischen in Frage. Im Rahmen der Interferenzfehler kommen solche Fehler in Frage, die auf Übertragung der Regeln eines Schreibsystems auf das andere System basieren.

3. 1 Systeminterne Schreibfehler
Inkonsequente Schreibformen liegen im Deutschen zum Beispiel vor, wenn ein Phonem mit unterschiedlichen Graphemen geschrieben wird:  / v / als <w> Wasser oder <v> Vase;  / f / als <v> Vater, <ph> Phase, usw. Dazu kommen viele inkonsequente Schreibformen bei der Zusammen- / Getrenntschreibung.
Inkonsequente Schreibformen liegen im Türkischen zum Beispiel vor, wenn die Länge eines Vokals unterschiedlich markiert wird: [ da: ] als <da?>, aber [ fa:r? ] als <fare>, usw. Hier sei dazu vermerkt, dass in allen Grammatikbüchern des Türkischen behauptet wird, Türkisch hätte  keine langen Vokale. Das stimmt allerdings nicht, alle acht Vokale des Türkischen haben eine kurze und eine lange Variante, die sogar Bedeutungsunterscheidungen hervorrufen. Das heißt, die Länge des Vokals hat im Türkischen einen Phonemwert. Weil aber per definitionem nicht-segmentierbare Einheiten nicht als Phonem bezeichnet werden können, wird die Länge unter den suprasegmentalen Besonderheiten einer Sprache aufgeführt. (Weil die Vokallänge nicht direkt mit dem Schreibsystem verbunden ist, sondern im Rahmen der Phonologie einer Sprache behandelt wird, wird auf dieses Thema in einem anderen Beitrag näher eingegangen.)
Die hier angeführten Fälle der inkonsequenten Anwendung der Schreibregeln sind nur Beispiele. In beiden Sprachen gibt es viel mehr Inkonsequenzen. Alle systeminternen Inkonsequenzen führen notgedrungen zu Schreibfehlern. In diesem Punkte ist es irrelevant, ob der Schreiber ein einsprachiges oder mehrsprachiges Kind ist.

3. 2 Interferenzfehler
Beim Schreiben türkisch-deutsch Bilingualer treten Schreibfehler sowohl im Deutschen als auch im Türkischen auf, die den Charakter der Interferenz haben. Folgende Erscheinungen sind die häufigsten Interferenzerscheinungen:

Interferenzfehler im Türkischen

  • Großschreibung der türkischen Nomina,
  • Markierung der Vokallänge durch < h >, also < *dah > statt < da? >,
  • Verwendung des Buchtsaben < w > für das Phonem / v / statt < v >,
  • Verwendung des Punktes beim Phonem / ï /, also < i >, statt < ? >,
  • Verwendung des deutschen Graphems für das Phonem / ? /, also < sch > statt < ? >.
Interferenzfehler im Deutschen
  • Hinzufügen von Sproßvokalen nach der türkischen Phonologie, also < *tirennen > statt  <trennen>,
  • Vermeidung der Grapheme für Konsonantenhäufungen <zw>, also < *tsvansig > statt <zwanzig >,
  • Vermeidung der  Grapheme für Diphthonge, also < *hayraten > statt < heiraten >,
  • Verschriftlichen der Auslautverhärtung, also < *Tak > statt < Tag >.
Um Interferenzfehler zu verbessern oder zu vermeiden, ist die sprachvergleichende Vorgehensweise (außer viel üben) die effizienteste Arbeitsweise. Oft sehen die Schüler die Gründe ihrer Fehler ein und werden in beiden Schreibsystemen bewußter. Je früher mit der vergleichenden Arbeit angefangen wird, sind die Erfolgschansen größer. Am erfolgsversprechendsten ist die zweisprachige Alphabetisierung.
 


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