14. Dezember 2018

Agglutination

Agglutination ist eine charakteristische Eigenschaft des Türkischen und bedeutet so viel wie "anleimen".

Prof. Dr. Emel Huber und Prof. Dr. Wolfgang Huber 

AGGLUTINATION

Agglutination ist eine charakteristische Eigenschaft des Türkischen. „Agglutinieren“ bedeutet so viel wie „anleimen“. Angeleimt, das heißt agglutiniert werden Morpheme, das heißt kleinste bedeutungstragende sprachliche Einheiten in Form von Endungen an das Lexem. Dadurch entstehen entweder neue Wörter, dann spricht man von Wortbildungsmorphemen, oder vorhandene Wörter werden in einem Satz verwendet, dann spricht man von syntaktischen Morphemen. In dieser Hinsicht ist die Agglutination eine sprachliche Technik, um neue Wörter zu bilden oder Wörter zu Sätzen zu konstruieren. Diese Technik hat aber auch gewisse Folgeerscheinungen. Im folgenden werden  die wichtigsten Eigenschaften der agglutinierenden Technik und ihre Folgen für das Sprachsystem besprochen. Um die charakteristischen Eigenschaften der Agglutination besser zeigen zu können, werden auch isolierende und flektierende Sprachen zum Vergleich herangezogen.

Zunächst sei daran erinnert, dass die Einteilung in isolierende, agglutinierende und flektierende Sprachen aus der älteren vergleichenden Sprachwissenschaft stammt, die nach einer praktikablen Klassifikation für Sprachen suchte, die nicht zur indoeuropäischen Sprachfamilie gehörten. Dabei lag das Augenmerk der Wissenschaft auf einzelnen Wörtern und Wortformen. Lässt eine Sprache ihre Wörter mehr oder weniger unverändert, heißt sie isolierend. Zu diesem Typ gehört zum Beispiel das Chinesische; aber auch das Englische nähert sich diesem Typ, weil es praktisch kaum noch Endungen hat; nur noch  Plural-s am Nomen und –s am Verbum für die dritte Person Singular.
Eine Sprache ist deshalb „mehr oder weniger“ isolierend: Chinesisch sehr, Englisch weniger, Deutsch gar nicht.

Deutsch gilt als flektierende Sprache. Sie zeichnet sich innerhalb der Nominalsyntax dadurch aus, dass die Markierungen für Genus, Numerus und Kasus auf mehrere Teile einer Nominalgruppe verteilt werden: auf Artikel, Adjektiv und Nomen (des schönen Mädchens). Im Spanischen sieht man der großen Mehrzahl der Substantive das Genus an: Wörter auf –a sind feminin, die anderen maskulin. Das Genus ist sichtbar. Im Deutschen sieht man vielen Substantiven ihr Genus nicht an; es ist nicht sichtbar und man muss es lernen, was beim Deutschlernen eine große Schwierigkeit darstellt. So eine Situation ist für eine vorzugsweise agglutinierende Sprache undenkbar. Die syntaktischen Kategorien wie Genus, Numerus und Kasus müssen sichtbar sein, wobei anzumerken ist, dass agglutinierende Sprachen meistens kein Genus kennen. Eine weitere Schwierigkeit eines nicht-agglutinativen Flexionssystems besteht darin, dass die Formative nicht immer eindeutig sind. So sind zum Beispiel die Markierungen für Nominativ und Akkusativ nicht verschieden. Außerdem ergeben sich im Deutschen komplizierte Regeln für das Zusammenspiel von Artikel und Adjektiv: ein schönes Mädchen, das schöne Mädchen.

Flektierende Sprachen bilden komplizierte Verbformen, indem sie beispielsweise Endungen und Ablaute kombinieren (ich sehe, ich sah, ich sähe). Ablaut ist ein der Agglutination entgegen gesetztes Verfahren. Während die flektierenden Sprachen Lautänderungen innerhalb eines Lexems kennen, kommen solche Änderungen in Sprachen nicht vor, die Vor- und/oder Nachsilben bevorzugen.

Was für isolierende Sprachen gilt, gilt auch für agglutinierende: es gibt mehr oder weniger agglutinierende Sprachen. Agglutination setzt voraus, dass an ein Lexem möglicherweise mehrere bis viele Morpheme antreten, um eine Wortform zu bilden. So treten im Deutschen an den Stamm les- die Morpheme –bar und –un; jedes mit einer klar beschreibbaren Bedeutung: -bar  bildet ein modales Passiv zu lesen (les-bar = kann gelesen werden) und un- ist eine Verneinung (un-lesbar  = kann nicht gelesen werden). Die beiden Teile, die an den Stamm treten, sind (Wortbildungs)morpheme, die eindeutig segmentierbar sind: man könnte sie auf einem Tonband mit der Schere abtrennen, was beispielsweise beim Pluralmorphem in Kloster/Klöster  nicht der Fall ist.

Für die Agglutination sind zwei Eigenschaften fundamental: die Morpheme müssen eindeutig segmentierbar (mit der Schere abtrennbar) sein und jedes abgetrennte Segment darf nur genau eine Bedeutung haben. Diese zweite Bedingung ist innerhalb des deutschen Nominalparadigmas meist nicht der Fall. In Mutti/Muttis  ist das –s  zwar eindeutig segmentierbar, aber es kann mehr als eine Bedeutung haben (Genitiv Singular in Muttis Hund  und der ganze Plural). Im Deutschen kommt Agglutination innerhalb der Wortbildung vor, aber nicht innerhalb von Kasus- und Numerusmorphologie. Wegen der Wortbildung ist Deutsch nicht völlig unagglutinierend, nur agglutiniert es sehr viel weniger als Türkisch. Wer Türkisch eine agglutinierende Sprache nennt, sollte sich darüber im Klaren sein, dass es die meist agglutinierende Sprache ist, eine Sprache, die auf der Skala der mehr oder weniger agglutinierenden Sprachen ganz oben steht, im Gegensatz zum Deutschen, das ziemlich weit unten vorkommt.

Agglutination lässt sich auf bestimmte Bereiche oder aber auch formal beschränken. Bezüglich der formalen Beschränkung kommt die Verwendung der Morpheme in Form von Präfixen oder Suffixen in Frage. Innerhalb der deutschen Wortbildung kommen Päfixe (un-) und Suffixe (-bar) vor, wobei das Türkische nur Suffixe als agglutinative Elemente hat. Außerdem ist es für das Wesen der Agglutination im Prinzip nicht wesentlich, ob die agglutinierenden Morpheme einsilbig oder vielsilbig sind. Das Türkische bevorzugt aber ganz eindeutig einsilbige Suffixe, die typischerweise die Struktur CV(C) haben: Konsonant + Vokal (+ Konsonant).

Bezüglich der Beschränkung auf bestimmte Bereiche kommt die Anwendung der agglutinierenden Technik im Rahmen der Wortbildung und/oder der Syntax in Frage. So kommt sie im Deutschen innerhalb der Wortbildung (wie in un-les-bar ), aber nicht bei Deklination und Konjugation vor. Bei der deutschen Deklination und Konjugation werden zwar ebenfalls Endungen verwendet, diese Endungen genügen aber nicht den agglutinierenden Bedingungen der eindeutigen Segmentierbarkeit und der Bedeutungseindeutigkeit, wie zum Beispiel im Türkischen

gel -iyor -du -n - uz
komm PRÄSENS VERGANG. 2.PERSON PLURAL

 
für „ihr kamt“. Während das Türkische jede syntaktische Information wie Tempus, Person und Numerus eigens mit Morphemen agglutiniert, sind diese Informationen an der deutschen Verbform
nicht getrennt durch Morpheme markiert. Oder anders ausgedrückt: Alles, was im Deutschen durch Deklinations- und Konjugations¬formen mitgeteilt wird, markiert das Türkische mit Hilfe von Suffixen.

Im Bereich der Verbalmorphologie kommen keine Präfixe und erst recht kein Ablaut vor. Tempus, Modus, Passiv, Kausativ werden nicht durch Periphrasen zusammengesetzter Verbformen gebildet, sondern durch eine mögliche Folge von Morphemen am Verblexem. So zum Beispiel in

Öl - dür -t -tü -n -üz
sterb KAUSATIV KAUSATIV. VERG. 2.PERSON PLURAL

sterben-machen-lassen-habt-ihr

für  „Ihr habt (jemanden) töten lassen“.

Im Bereich der Nominalmorphologie werden Kasus und Numerus in agglutinierenden Sprachen als Suffixe am Substantiv markiert, Artikel (wenn es einen gibt) und adnominale Adjektive bleiben generell unverändert. Eine Nominalphrase wie aus unseren Häusern  muss auf Türkisch heißen:

Ev -ler -im -iz -den
Haus PLURAL POSS. PLURAL ABLATIV

Häuser-unser-von  

Während die flektierenden indoeuropäischen Sprachen possessive Wörter haben (also Possessivpronomina wie mein, dein, sein ), haben Sprachen, die vorzugsweise agglutinieren, immer possessive Endungen:
ev-im
Haus-mein
ev-in
Haus-dein
Diese possessiven Endungen bilden dann eine possessive Deklination.

Die Suffixe lagern sich nicht einfach an jedes Wort an. Im Türkischen gibt es im Wesentlichen nur zwei Stellen, an denen sie auftreten: am Substantiv als dem Zentrum einer Nominalphrase und dem Verbum als dem Zentrum einer Verbalphrase. Auf diese Weise müssen sie in größerer Anzahl nebeneinander vorkommen können; es ist deshalb unerlässlich, dass es eine strenge Syntax für das Auftreten der agglutinativen Morpheme gibt. Die Reihenfolge, in der die agglutinativen Morpheme an ein Lexem antreten, ist nicht beliebig, sondern streng geregelt. Die Morphemsyntax hat zwei Eigenschaften: alle Morpheme müssen auf der rechten Seite angehängt werden und jedes neue bestimmt den ganzen vorherigen Teil. Das ist nur möglich, wenn der Syntax auch eine innere Logik entspricht. Theoretisch könnte an ein Nominallexem wie ev ‚das Haus’ ein Plural- und ein Ablativmorphem in beliebiger Reihenfolge antreten. Es gibt aber nur eine Reihenfolge, die logisch sinnvoll ist. *ev-den-ler  ist eine unsinnige Folge, die bedeuten würde ‚Haus + weg von + mehrere’, aber ‚mehrere weg von’ macht keinen Sinn. Also bleibt nur die Reihenfolge ev-ler-den ‚Haus – mehrere Häuser – aus mehreren Häusern’.

Die flektierenden Sprachen haben in aller Regel einen Plural auch bei Zahlangaben, also drei Häuser. Demgegenüber herrscht im Türkischen ein strenges Ökonomieprinzip. Ein Pluralsuffix kann nur da stehen, wo die Pluralität nicht erschlossen werden kann. Deshalb darf es nicht heißen *dört ev-ler,  weil die Mehrzahl durch dört schon festgelegt ist, es muss heißen dört ev.

Die türkischen agglutinativen Elemente müssen einer Konsonanten- und Vokalharmonie genügen. Das ist keine Folge des agglutinativen Prinzips. D.h. eine Sprache kann auch ohne Vokalharmonie maximal agglutinierend sein wie zum Beispiel Quechua. In der Sprachwissenschaft werden harmonische Regeln Sandhi-Regeln genannt nach dem Vorbild der indischen Grammatik. Sie bestehen immer in einer lautlichen Anpassung; dabei passt sich entweder der zweite Teil an den ersten an oder umgekehrt. Weil im Türkischen alle Morpheme nur auf der rechte Seite antreten können, ist eine Anpassung des linken Teils an den rechten praktisch unmöglich.

Bezüglich der Anzahl der zu agglutinierenden Morpheme kennt Türkisch keine Grenzen. Es können so viele Morpheme an ein Lexem angehängt werden, wie es die Logik mit den zugrundeliegenden Propositionen erfordert. Deshalb werden in vielen Türkischbüchern als Besipiel der folgende stark agglutinierte Wort-Satz angeführt: Avustralyal?la?t?ramad?klar?m?zdanm??s?n?z  mit der Bedeutung „Sie gehören also zu denjenigen, die wir haben nicht zu Australiern haben machen können“.

Fazit
Türkisch nimmt auf der Skala der mehr oder weniger agglutinierenden Sprachen den obersten Platz ein (Deutsch einen eher unteren Platz). Die agglutinativen Morpheme sind eindeutig segmentierbar, haben stets nur eine Bedeutung und sind vorzugsweise einsilbig. Agglutination ist formal auf Suffixe beschränkt, die untereinander einer strengen Syntax genügen müssen. Der Syntax entspricht eine innere Logik. Die Agglutination betrifft alle syntaktischen Kategorien wie Numerus, Kasus, Possessivität, Tempus, Modus, genus verbi. Die possessiven Nominalendungen entsprechen weitgehend den Pronomina am Verbum. Es herrscht ein strenges Ökonomieprinzip. Die Konsonanten- und Vokalharmonie ist kein wesentlicher Teil der Agglutination. Sie dient aber als zusätzliches Bindemittel.
 



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