14. Dezember 2018

Die Rolle der Türkische Medien in Deutschland

Medien können zum Gelingen der Integration der verschiedenen ethnischen Minderheiten in Deutschland, deren größte Gruppe die 2,4 Mio. Migranten türkischer Herkunft bilden, wesentlich beitragen. Insbesondere in "abstrakten" Bereichen, die sich einer "direkten" Beobachtung entziehen - Politik, Kultur etc. - sind Medien nicht nur Informations- sondern auch Bewertungs- und Interpretationslieferanten und somit eine zentrale Meinungsbildungsinstanz.

Die Rolle der Türkische Medien in Deutschland 

Muttersprachliche Medien bilden einen festen Bestandteil des Lebens der türkischen Wohnbevölkerung in der Bundesrepublik. Einen wichtigen Anteil unter diesen nehmen Printmedien ein. Allerdings nahm die Bedeutung des Fernsehens mit der Einführung des Kabel-, der Satelliten- und des Privatfernsehens wesentlich an Bedeutung zu. Die heimatsprachlichen Medien bilden zum einen eine Brücke in die alte Heimat, bieten zum anderen auch die Möglichkeit, die Situation in der Migration mit den damit verbundenen Schwierigkeiten zu artikulieren. Medien sind eine zentrale Meinungsbildungsinstanz. Dies gilt für den permanenten Prozess der Identitätsbildung ebenso wie für das Wissen über und die Einstellung zu politischen und gesellschaftlichen Themen.  

Eine Analyse des Medienkonsums türkischstämmiger Migranten in Deutschland – Rückzug oder Bereicherung?

Medien können zum Gelingen der Integration der verschiedenen ethnischen Minderheiten in Deutschland, deren größte Gruppe die 2,4 Mio. Migranten türkischer Herkunft bilden, wesentlich beitragen. Insbesondere in "abstrakten" Bereichen, die sich einer "direkten" Beobachtung entziehen - Politik, Kultur etc. - sind Medien nicht nur Informations- sondern auch Bewertungs- und Interpretationslieferanten und somit eine zentrale Meinungsbildungsinstanz.

Die neuen Fernsehübertragungstechniken und die Einführung des Privatfernsehens, die in der Türkei zeitgleich zu der in der Bundesrepublik entstanden ist, haben ebenso wie die Differenzierung der türkischen Presselandschaft in Deutschland im letzten Jahrzehnt das Mediennutzungsverhalten der hier lebenden türkischen Migranten verändert. Durch die Möglichkeiten, immer mehr Fernsehprogramme aus dem Herkunftsland zu empfangen und immer mehr türkische Tageszeitungen zu kaufen, haben sich weite Migrantenteile von den deutschen Medien ab- und den heimatsprachlichen Sendern und Zeitungen zugewandt.

Nutzten die Migranten bis Ende der 1980er Jahre die von den deutschen öffentlich-rechtlichen Fernseh- und Rundfunkanstalten produzierten Zielgruppensendungen für die in Deutschland lebenden Ausländer ebenso wie die regulären Angebote der deutschen Sender, werden in der heutigen Zeit türkische Sender bevorzugt. Dies liegt sicherlich auch daran, dass die öffentlich-rechtlichen Anstalten ihre migrantenspezifischen Angebote massiv reduziert haben.

 Sprachrohr der Migranten

Diese Entwicklung ist hinsichtlich ihrer Wirkung auf die Integration in die deutsche Mehrheitsgesellschaft ambivalent: Einerseits bietet sich der türkischstämmigen Bevölkerung inzwischen eine mediale Vielfalt, die zur Konsolidierung der ethnisch-kulturellen Identität beiträgt und das Defizit, das in den deutschen Medien über die Belange und Interessen der türkischen Migranten herrscht, ausgleichen kann. Andererseits dienen die heimatsprachlichen Medien darüber hinaus als Plattform für die Problematisierung der Situation der Migranten, die die deutschen Medien ihnen nicht bietet, und für Integration von nicht zu unterschätzender Bedeutung ist. Berücksichtigt werden muss ebenfalls, dass gerade für die erste Generation, die häufig mit Sprachproblemen zu kämpfen hat, von großer Bedeutung ist, aktuelle gesellschaftspolitische Entwicklungen und politische Diskussionen in Deutschland - beispielsweise über die Renten- oder Steuerreform bis zum Ausländerrecht - mittels der Muttersprache wahrnehmen zu können.

Mediale Ghettosierung

Andererseits kann diese Entwicklung aber auch eine „mediale Ghettoisierung“ verursachen. Besonders bei den türkischstämmigen Migranten besteht aufgrund des großen Angebotes an heimatsprachlichen Medien die Gefahr, dass sie sich durch den fast ausschließlichen Konsum staatlicher und kommerzieller Fernsehsender aus der Türkei und der Lektüre meist stark boulevardistisch ausgerichteten Zeitungen in eine massenmediale Isolation begeben. Der Integration ist diese Entwicklung zweifellos abträglich. Denn zum einen bietet die türkische Berichterstattung ein eingeschränktes Meinungsspektrum und einen Informationsfluss aus den aktuellen Prioritäten und Blickwinkeln der Türkei, die bestimmte Themen, die in Deutschland von Bedeutung sind, nicht auf die Agenda setzen. Zum anderen kann der Rückzug der Migranten auf heimatsprachliche Medien, und hier insbesondere auf das Fernsehen, den vielseitig beklagten Rückgang der deutschen Sprachkenntnisse türkischstämmiger Kinder unterstützen, dessen Ursache häufig gerade in der verstärkten Nutzung des türkischen Fernsehens gesehen wird. Befürchtet wird, dass die Abwendung der Migranten von der deutschen Medienlandschaft die Segmentierung und Ethnisierung der Gesellschaft unterstützt, die sich seit dem Aufflammen rechtsradikaler und fremdenfeindlicher Gewalttaten Anfang der 1990er Jahre in vielen Bereichen und gerade auch bei der zweiten und dritten Generation bemerkbar macht.

Seit 1991 können die türkischen Migranten den für sie produzierten Ableger des staatlichen türkischen Fernsehens (TRT-Int) über Kabel empfangen. Zu Beginn der 90er Jahre erreichten immer mehr neue Privatsender via Satellit die Medienlandschaft in Deutschland. Neben der Veränderung der Fernsehlandschaft durch Kabel und Satellit ist auch das Angebot an türkischen Zeitungen sowohl aus der Türkei, als auch solcher, die eigene Deutschland- bzw. Europaausgaben produzieren, immer größer geworden. Türkische Tageszeitungen werden seit Ende der 1960er Jahre in Deutschland angeboten.

Den in Deutschland vertriebenen Zeitungen sind sogenannte „Europa-Seiten“ beigefügt, auf denen insbesondere auf Themen und Belange der in Europa lebenden Türken ebenso wie auf die politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen in diesen Ländern eingegangen wird. Insofern erfüllen diese Printmedien eine integrative Funktion.

Verstanden sich die Tageszeitungen früher vorwiegend als Brücke in die Heimat, fungieren sie heute als Sprachrohr der Migranten und als Anwälte ihrer Leserschaft. Versuche, eigene hier produzierte Zeitschriften für die Gruppe der in Deutschland lebenden türkischen Migranten zu etablieren (z.B. ETAP, Türkis, Hayat, Persembe), scheiterten jedoch bisher.

 

Redaktionelle Linie

Auflage in der BRD

Erstes Erscheinungsjahr

Tageszeitung

 

 

 

Hürriyet

Liberalkonservativ mit deutlicher Neigung zur Boulevardpresse

55.000

1971

Milliyet

Linksliberal

20.000

1972

Türkiye

Konservativ-traditionell orientiert

25.000

1987

Zaman

Konservativ-traditionell orientiert

20.000

1990

Milli Gazette

Religiös-fundamentalistisch

18.000

1973

Evrensel

Links

3.000

1995

Yeni Özgür Politika

Kurdische Zeitung in türkischer Sprache, links, kurdisch-nationalistisch

12.000

1995

Sabah

Liberale Boulevardzeitung

15.000

2000

Wochenzeitungen

 

 

 

Cumhuriyet Hafta

Linksliberal

4.800

1990

Quelle: Zentrum für Türkeistudien, Angaben über die durchschnittliche Auflagenhöhe nach Auskunft der Zeitungen

Mediale Nutzung in der türkischstämmigen Bevölkerung 

In den letzten Jahren hat sich jedoch nicht nur die türkische Medienlandschaft weiter ausdifferenziert und ihre Marktanteile verändert, auch die türkische Gesellschaft in Deutschland differenziert sich zunehmend: Obwohl in der öffentlichen Diskussion so nicht wahrgenommen, steigt das Ausbildungsniveau in der zweiten Generation deutlich an, die Zahl der türkischstämmigen Studenten an den Hochschulen wächst stetig. Das Berufsspektrum wird breiter und weitet sich über alle Bereiche aus: Es gibt immer mehr türkischstämmige Lehrer, Mediziner, Juristen, Volks- und Betriebswirte, Sozialpädagogen, Psychologen usw. Viele Migranten machen sich selbständig und verlassen dabei mehr und mehr die Nischenökonomie der Dönerbuden und „Tante-Emma-Läden". In Teilen der zweiten und dritten Generation hat sich eine Jugendkultur herausgebildet, die sich in weiten Teilen nicht von der der deutschen Altersgenossen unterscheidet.

Nicht zuletzt dokumentiert die hohe Zahl der Einbürgerungen, die abnehmende Neigung zur Remigration und die vor allem in der jüngeren Generation stark ausgeprägte Verbundenheit mit Deutschland, dass bei einem großen Teil der Wille zur Integration besteht und man sich mit dem dauerhaften Leben in Deutschland arrangiert hat.

Diese Entwicklung hat vermutlich - aufgrund des engen Zusammenhangs von der Nutzung heimatsprachlicher Medien und soziodemographischen Merkmalen wie dem Alter und der Bildung - auch Auswirkungen auf die Nutzung und Beurteilung der deutschen und der türkischen Medien.

Die technische Ausstattung der Haushalte zum Fernsehempfang ist unter den türkischstämmigen Migranten ausgesprochen hoch. Nahezu alle Haushalte verfügen über einen Fernseher, den 96% täglich mindestens eine Stunde nutzen, die Hälfte sogar mehr als drei Stunden täglich. Fernsehen macht folglich einen großen Teil der Freizeitbeschäftigung aus, so eine Studie des Zentrums für Türkeistudien, (ZfT):

Deutsche und türkische Medien werden dabei komplementär genutzt, 96% derjenigen, die türkische Fernsehsender nutzen, sehen auch deutsche Sender und 87% derjenigen, die türkische Tageszeitungen lesen, lesen auch deutsche Tageszeitungen.

Auch bei jungen Migranten herrscht die gleichzeitige Nutzung von türkischen und deutschen Medien: 95% aller befragten Migranten unter 30 Jahren nutzen deutsches und türkisches Fernsehen, 36% deutsches und türkisches Radio, 50% deutsche und türkische Zeitungen. 82% der türkischen Zeitungsleser unter 30 Jahren lesen nebenher deutsche Tageszeitungen, 60% der Leser deutscher Zeitungen lesen auch türkische Zeitungen.

Ambivalenz der Entwicklung

Betrachtet man die Auswirkungen dieser neuen Situation auf die Integration der türkischen Migranten, so sind einige ambivalente Tendenzen festzustellen. Gleichzeitig gehen folgende integrative Wirkungen aus der medialen Vielfalt aus, die von nicht zu unterschätzender Bedeutung sind:  

  • Die heimatsprachlichen Medien leisten einen Beitrag zur Konsolidierung der ethnisch-kulturellen Identität der Migranten ;
  • Sie ermöglichen die Aufrechterhaltung und Pflege der türkischen Sprache, die ja eine wichtige Grundlage zum Erlernen der deutschen Sprache bildet ;
  • Sie schließen in gewissem Umfang die Lücke in den deutschen Medien über die Belange und Interessen der türkischen Migranten ;
  • Sie dienen als Artikulationsplattform der Situation und Probleme der Migranten ;
  • Vor allem dienen sie zur Erhöhung des Informationsstandes über die Entwicklungen in der Türkei, in Deutschland und in der ganzen Welt.

 



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